Der schmale Grat

Nach Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ hätte es eigentlich keinen weiteren Antikriegsfilm geben müssen, da er das Genre perfektioniert und vielseitig abgedeckt hat. Trotz dessen gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausflüge in diese Richtung. Sei es Stanley Kubricks Werk „Full Metal Jacket“ oder Oliver Stones „Platoon“. 1998 gab es gleich zwei Beiträge zur Aufarbeitung des Krieges. Beide thematisieren den 2.Weltkrieg und sind dennoch unterschiedlich.

Auf der einen Seite ist die Rede von „Der Soldat James Ryan“ von Starregisseur Steven Spielberg und auf der anderen steht Terrence Malicks „Der schmale Grat“.

20 Jahre nach seinem letzten Film drehte Malicks sein Epos 1998 in Australien und schilderte die Schlacht um Guadalcanal auf den Salomon Inseln.

Es scheint als hätte Terrence Malicks für seinen Film ganz Hollywood vereint: James Caviezel, Nick Nolte, John Cusack, Ben Chaplin, Adrien Brody, George Clooney, John Travolta… jede noch so kleine Nebenrolle ist überdurchschnittlich gut besetzt und dies mag sich durchaus auszahlen. Die schauspielerische Leistung ist durch und durch hervorragend. Mängel gibt es keine.

Jeder dieser talentierten Akteure hätte problemlos eine Hauptrolle übernehmen können, doch diese gibt es hier nicht. Jede Rolle wird gleichermaßen beleuchtet, sodass keine Figur in den Vordergrund rückt.

„Der schmale Grat“ unterscheidet sich eindeutig von anderen Vertretern seiner Art. Der Film ist fast schon Poesie und schafft überwältigende Bilder. Auf einen normalen Ablauf der Handlung wird gepfiffen. Immer wieder unterbricht Malick das Geschehen und präsentiert uns wunderschöne Aufnahmen aus der Natur, sodass beinah der Eindruck einer Dokumentation entsteht.

Die Herrlichkeit der Natur steht im krassen Gegensatz zur Gewalt und den Schlachtfrequenzen. Die Kämpfe auf den hochbewachsenden Hügeln bieten etwas ganz eigenes. Wenn man den Protagonisten über die Anhöhen folgt, sieht man immer nur so viel, wie es deren Augen zulassen. Die Musik bleibt hier ganz aus und lässt uns alleine mit den Bildern. Die Spannung ist ungemein intensiv bei diesen Frequenzen, jederzeit könnte der Kampf ausbrechen.

Des Weiteren wird sehr viel mit Voice- over gearbeitet. Die Figuren beschreiben ihre Gefühle oder philosophieren über das Leben, den Tod oder die Natur. Warum bekämpfen sich die Menschen? Könnten wir nicht alle zusammen in Frieden an diesem wunderbaren Ort leben? Warum zerstören wir die herrliche Schöpfung?

In knapp drei Stunden werden Fragen und Anregungen gestellt, beantworten kann der Film diese inhaltlich nicht. Es gibt keine klare geradlinige Geschichte. Dafür tuen es umso mehr die Bilder, welche mit der fantastischen Musik von Hans Zimmer begleitet werden.

Im Gegensatz zum deutlich besser ausgezeichneten „Der Soldat James Ryan“ gibt es in diesem Werk keine große Endschlacht, es wird nichts glorifiziert. Während bei Spielbergs Film eine schwarz-weiß Malung nicht zu vertuschen ist und die amerikanischen Soldaten wie Helden dargestellt werden, ist dies bei „Der schmale Grat“ nicht so ausgeprägt, was positiv auffält. Er konzentriert sich auf die individuellen Geschichten der Beteiligten und setzt nicht auf den großen Knall.

Negativ bzw. störend kann hingegen sein, dass es Malick zum Ende hin etwas übertreibt mit seinen großen Weisheiten. Die letzten 30-40 Minuten sind quasi eine Aneineranderreihung von höchst philosophischen Schlussätzen, die immer mehr ihre Kraft verlieren. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. Der Schlussteil zieht sich sehr und wirkt dadurch erschöpfend.

Insgesamt ist „Der schmale Grat“ ein sehr besonderer Antikriegsfilm. Bildgewaltig, lebensbejahend auf seine ganz eigene Art und Weise, philosophisch und zum Nachdenken anregend, bleibt er lange in Erinnerung.

8,5 /10

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