Der deutsche Film hat es generell schwer und steht sich dabei oft selbst im Weg. Dass auch wir gute Filme produzieren können, wurde in letzter Zeit mit „Who Am I“ oder „Victoria“ bewiesen. „Toni Erdmann“ aus dem Jahre 2016 von Maren Ade reiht sich problemlos in diese Liste ein und sticht dabei sogar noch besonders hervor. Der dritte Spielfilm von Ade ist mutig, dramatisch, witzig und unfassbar nah am Leben erzählt.
Ines Conradi ist eine Business-Frau, die nur noch wenig Zeit für ihre Familie und besonders für ihren Vater hat. Dieser ist sowohl Musiklehrer als auch Alltagsclown und beschließt seiner Tochter nach Bukarest nachzureisen, um dort in die Rolle des „Toni Erdmanns“ zu schlüpfen und das Leben von Ines gewaltig umzukrempeln.
Geschlagende 162 Minuten ist die Tragikomödie lang. Es wird sich viel Zeit gelassen, um die Figuren zu beleuchten, was nicht immer einfach zu ertragen ist. Sitzfleisch ist hier erfordert, da Dialoge den Film bestimmen und es nicht auf den großen Knall ankommt. „Toni Erdmann“ ist ein hervorragender Beweis dafür, dass ein guter Film nicht viel braucht. Tolle Schauspieler und eine außergewöhnliche Geschichte reichen bei guter Regie schon oft aus und all dies verbindet Ades Werk beachtlich.
Durch die recht lange Filmlänge führen uns die tadellosen Schauspieler Peter Simonischek und Sandra Hüller. Ohne das grandiose Duo wäre der Film nicht das, was er schlussendlich geworden ist. Mimik und Gestik sind bei den beiden auf höchstem Niveau und verleihen somit den Figuren genau die Tiefe, welche benötigt wird.
Das Hineintappen in die skurrilsten Situation wird von der Kamera fast schon dokumentarisch eingefangen. Frontal und ohne Kompromisse wird draufgehalten, die Figuren offenbaren sich vollkommen, allerdings ohne dabei albern gemacht zu werden, was ungewöhnlich, aber ungewöhnlich gut ist. Völlig abgedreht, aber zeitgleich auch mitten aus dem Leben erzählt, wird die Geschichte zwischen Vater und Tochter fein und vielschichtig skizziert.
Thematisch kettet sich der Film aber nicht an dieser Beziehung fest, auch wenn sie Mittelpunkt des Geschehens ist. Sexismus und das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt sind unter anderem Eindrücke, die vermittelt werden. „Toni Erdmann“ ist ein Film aus dem Leben über das Leben.
Gibt es Kritikpunkte? Einzig die vielleicht etwas zu lange Lauflänge, da man sich an der ein oder anderen Stelle mehr Tempo wünschen würde, und die sehr spezielle Art, die nicht jedem zusprechen wird, könnte negativ aufgefasst werden, doch gerade in Zeiten von einer bedrückenden Einfallslosigkeit in der allgemeinen Kinolandschaft, sind Werke wie „Toni Erdmann“ eine erfrischende Genugtuung und Erkenntnis dafür, dass es da draußen doch noch innovative Filmideen gibt.
In der einen Minute höchst dramatisch, in der nächsten schon wieder brüllend komisch. „Toni Erdmann“ sollte ein Ausrufezeichen für das deutsche, aber auch für das internationale Kino sein, dass Mut und Einzigartigkeit sich auszahlen können und dass deutsche Produktionen sehr wohl bedeutungsvoll sein können.
9/10
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