Es

Nachdem 1990 der Fernsehfilm zu Stephen Kings Roman über die Bildschirme flimmerte, kam nun vor ein paar Wochen die Neuverfilmung des Horrorclowns Pennywise in die Kinos. 27 Jahre später, also exakt das Zeitintervall in dem Pennywise sein Unwesen treibt-kein schlechtes Marketing. Stimmen wurden laut, die vom besten und vor allem gruseligsten Horrorfilm aller Zeiten sprachen. Der Druck auf Andrés Muschietti, der bis auf „Mama“ zuvor keinen Kinofilm realisierte, war hoch. Konnte er diesem gerecht werden?

Vorab kann man sagen, dass er an sich deutlich besser funktioniert als sein Vorgänger und dies liegt nicht daran, weil er so viel gruseliger oder schockierender ist, sondern schlussendlich einfach daran, dass „Es“ aus dem Jahre 2017 ein  guter Film mit einer tollen Geschichte geworden ist.

Überraschenderweise punktet er vor allem dann, wenn er sich nicht im Horror-Genre bewegt, denn wirklich richtig gruselig wird es nie. „Es“ hat seine Schockmomente, die kommen allerdings fast nur in Form von Jump-scares vor, was schade ist. Die Szenen rundum Pennywise weisen durchaus eine gewisse Bedrohung und Anspannung auf, der wahre Horror will aber nicht gänzlich aufkeimen. Somit ist „Es“ unterm Strich viel mehr Thriller als furchteinflößender Horrorfilm.

Dies liegt auch daran, dass der Film sehr viel lustiger geworden ist, als man zunächst annehmen konnte. Gerade dann, wenn sich eine düsterere Grundstimmung in „Es“ breitmachen könnte, wird dieser Vorgang durch humoristische Zwischenfälle gestoppt. Auch sieht man meiner Meinung nach den bösen Clown zu oft im Vollen, was ihn ein wenig entmystifiziert, da speziell das Unbekannte doch den wahren Grusel im Kopf auslöst. Und, wenn man ihn dann sieht, erfährt man leider zu wenig von ihm. Das Böse bleibt zu eindimensional.

Trotz dieser kritschen Punkte ist Muschiettis Werk gelungen. Das liegt besonders an dem unglaublich guten Cast an Kinderdarstellern. Selten war die Harmonie und die Freundschaft von Heranwachsenden in einer Gruppe so greifbar wie hier. Ich würde sogar soweit gehen und sie mit der unvergessenen Clique aus dem Meisterwerk „Stand by me“ aus dem Jahr 1986 vergleichen; übrigens auch eine Stephen King Verfilmung. Größtenteils bekommt fast jede Figur aus der Jugendgruppe, die sich gegen Pennywise stellt, eine Backgroundstory und wird nicht gleichgültig. Die verschiedenen Handlungsschritte sind nie unüberlegt und alles ist wunderbar nachvollziehbar.

Generell wirkt „Es“ sehr ausgeklügelt. Keine Szene, kein gesprochenes Wort scheint sinnlos, sondern fügt sich perfekt in das Grundkonstrukt ein. So erhalten wir eine Dynamik in den 135 Minuten, die nicht langweilig wird und den Film treibend voranbringt.

Kostüm, Make-up und Effekte sehen alle wertig aus und sind der Zeit entsprechend auf einem guten Niveau. Im Speziellen die Ausstattung des Clowns ist hervorragend umgesetzt worden.

Wenn man den Clown Pennywise nur als Metapher für die verschiedenen Ängste der Kinder sieht, macht das „Es“ zu einem noch brillianteren „Coming of Age Film“. Die Gruppe muss sich in einer surrealen Welt mit den alltäglichen Problemen von Jugendlichen herumschlagen und versucht dabei ihre eigenen privaten Ängste zu bekämpfen. „Es“ funktioniert somit auf verschiedenen Ebenen.

Diese Ängste sind für jeden der einzelenen Kinder wunderbar kreativ ausgearbeitet. Unheimliche Gemälder erwachen zum Leben oder Lebra erkrankte Zombies kreuzen einem überempfindlichen Jungen den Weg… Hervorheben muss man aber sicherlich den Umgang mit den Ängsten der jungen Beverly. Ihre Angst vorm Heranwachsen begründet durch die, nicht ausgesprochene, aber stets andeutende Misshandlung durch ihren eigenen Vater, bleibt enorm in Erinnerung.

Andrés Muschietti schafft es dem altbekannten Stoff rundum dem Clown Pennywise einen neueren und frischeren Anstrich zu verpassen und stützt sich dabei überraschend auf eine sehr intensive Darstellung der Jugendgruppe. Der richtige Horrorfilm bleibt auf der Strecke, doch wir bekommen einen starken Film über Freundschaft und der schrecklichen Erkenntnis, dass wir alle einmal erwachsen werden müssen. In zwei Jahren wird der Kampf gegen den Gruselclown dann fortgesetzt- im Erwachsenenalter.

7,5/10

 

 

 

 

 

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