Meisterregisseur Darren Aronofsky polarisiert gerne mit seinen Werken und spaltet dabei oft die Meinungen der Zuschauer. Bei seinem letzten Film „Noah“, der vor drei Jahren in die Kinos kam, war sich die Seherschaft dann aber größtenteils doch einig: Aronofsky Versuch, die Geschichte rundum Sintflut und Schöpfung für die Kinoleinwand umzudichten, scheiterte fast auf ganzer Linie. Nun wagte er wieder einen Schritt Richtung Ursprungs- und Schöpfungsfrage und spaltete das Publikum erneut, wahrscheinlich größer als je zuvor. Die Erstaufführung in Venedig steht sinnbildlich dafür: Während es zunächst zu großem Applaus kam, erschallte der Saal nach Abspann durch Buh-Rufe.
Ein namenloses Paar bezieht das alte Landhaus des Mannes, welches vor einiger Zeit durch einen Brand fast komplett zerstört wurde. Während die Frau mit Renovierungsarbeiten beschäftigt ist, versucht der Mann, der eine Art Schriftsteller ist, ein neues Werk zu verfassen. Nachdem ein fremder Mann an der Tür klopft und um eine Unterkunft bittet, kippt die Stimmung und es passieren merkwürdige Dinge…
„Mother!“ muss erst einmal zugutegehalten werden, dass er 0.0 % vorhersehbar ist und sich in eine völlig andere Richtung entwickelt, als man zunächst vermuten darf. Selbst nach dem Sehen weiß man nicht so recht, was man da gerade gesehen hat und wie dies einzuordnen ist. Er traut sich was und ist überaus mutig in seiner Machart.
Jennifer Lawrence spielt groß auf und schreit sich im Film die Seele aus dem Leib, vielleicht schreit sie sich sogar zu einer Oscarnominierung, welche nicht überraschend wäre, da sie aus einem überaus starken Cast heraussticht. Neben ihr agieren unter anderem die wunderbaren Charaktermimen Javier Bardem und Ed Harris.
Eine überdurchschnittliche Riege an Schauspielern hat Aronofsky zusammentrommeln können, doch wie er seine Figuren handeln lässt wirft Fragen auf und lässt an der einen oder anderen Stelle an der Logik zweifeln.
Figuren kommen und gehen, tauchen dann wieder auf, um aus dem Nichts wieder zu verschwinden. Handlungsstränge einiger Figuren, von denen man nach den ersten 30 Minuten Sehen eine Fokussierung erwarten würde, verlaufen am Ende ins Nichts.
Begleitet durch eine ungemein anstrengende, aber auch fesselnde Atmosphäre kämpft man sich durch „Mother!“ und denkt nach jedem Abschnitt des Rätsels Lösung zu erahnen.
Die Hüllen lässt Aronofsky-zumindest etwas- aber erst in den letzten 20-30 Minuten des Films fallen und entfaltet dort eine Orgie an krassen, heftigen und völlig ausufernden Bildern.
„Mother!“ wird wahrscheinlich nicht nach dem ersten Schauen verstanden werden und wahrscheinlich gibt es auch nicht die eine Antwort auf das gerade Gesehen. Oberflächlichkeit und Unsinn werden die schärfsten Kritiker ihm vorwerfen und dies ist absolut legitim, da Aronofsky dem Zuschauer keine Antworten gibt, nur Hinweise. Er gewehrt uns nur einen kurzen Blick auf die Wahrheit und will das wir selbst überlegen oder vielleicht auch nicht. Einer der kontroversesten Filme des Jahres ist „Mother!“ mit Sicherheit.
Nach mehrfachem Überlegen in religiöser, gesellschaftlicher und vielleicht sogar politischer Sicht kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass die zunächst unlogischen Szenarien gerade genauso gewollt sind und dass vielleicht doch alles einen Sinn hat. Vielleicht hatte Darren Aronofsky aber auch keinen höheren Anspruch. Die Antwort wird nur er geben können.
So bleibt unterm Strich ein ungemein intensiv gespieltes Werk mit gewaltigen und wuchtigen Bildern, das man so schnell nicht aus seinem Kopf bekommt. Handwerklich einwandfrei, bleiben wir handlungstechnisch oft im Dunkeln und müssen uns möglicherweise schlussendlich mit unserer eigenen Interpretation begnügen. Wir agieren als Schöpfer, passend zum Film.
7,5/10
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