10 Jahre nach seiner letzten Regiearbeit „Apocalypto“ konnte Mel Gibson 2016 mit seinem Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ ein großartiges Comeback feiern, welches ihm neben zahlreichen Preisen auch großes Lob seitens Publikum und Kritiker einbrachte. Die Anerkennung für diesen außergewöhnlichen Künstler scheint wieder zu steigen, was wirklich wünschenswert ist, da Gibson ein Garant für überdurchschnittlich starkes Kino ist.
Mit „Hacksaw Ridge“ schildert er die wahre Geschichte des Kriegshelden Desmond Doss, der während des zweiten Weltkriegs zwischen 50 und 100 Menschen das Leben gerettet hat ohne dabei jemals eine Waffe abgefeuert zu haben.
Gibsons Werk ähnelt in seiner Strukturierung ein wenig Stanley Kubricks Klassiker „Full Metal Jacket“, da wir auch hier die Ausbildung der Protagonisten hautnah miterleben bevor sie sich ins Schlachtgetümmel werfen müssen.
Allerdings beschäftigt sich Mel Gibson zunächst noch mit der Einführung seines Helden. Er lässt uns Teil haben wie er aufwächst, wie er seine große Liebe kennenlernt und die Leidenschaft zur Medizin entdeckt.
Es ist dieses ganz feine Gespür, um den Zuschauer mit kleinen Kniffen emotional an den Film zu binden und dies beweist Mel Gibson auch hier wieder. Die gezeigte Liebesgeschichte zwischen Doss und seiner Dorothy ist zwar aufgebaut wie eine typische amerikanische Liebesbeziehung, die man in kitschigen Kriegsfilmen à la „ Pearl Harbor“ schon öfter gesehen hat, aber Gibson findet genau die richtige Auswahl an Bildern und besetzt seine Figuren mit Schauspielern, die die emotionale Bindung der beiden Liebenden perfekt aufzeigen, sodass es einen selbst schmerzt, wenn sie sich trennen müssen, so wie es bereits in „Braveheart“ glänzend umgesetzt wurde.
Andrew Garfield als schmächtiger junger Mann, der stets seinen Prinzipien treu bleibt, spielt ganz groß auf. Mit diesem Film hat er den endgültigen Sprung in die bedeutende Schauspielriege geschafft und beweist, dass er auch schwierige Rollen kann. Mit seinem leicht verträumten Blick, seiner Art stets das Gute sehen zu wollen und seiner pazifistischen Haltung spiegelt er den Kontrast zum blutigen Krieg wieder und muss versuchen in der Hölle auf Erden seiner Grundeinstellung treu zu bleiben.
Diese Hölle hat auch sein Vater bereits durchlebt, der im 1. Weltkrieg kämpfte und sich dort einige Kriegsmedaillen verdienen konnte, aber seitdem traumatisch gestört ist und unter Alkohol- und Gewaltproblemen leidet. Verkörpert wird Doss Senior von Hugo Weaving, der mit seiner bedrückenden Performance der heimliche Star des Films ist, und uns unter anderem zeigt welche Auswirkungen Krieg auf die Psyche hat. Er versucht alles, um seinem jüngsten Sohn vor diesen Schrecken zu bewahren, doch weder er noch die Ausbilder, die ihm wegen der Verweigerung der Waffe, das Leben so schwer wie möglich machen, können Doss abhalten im 2. Weltkrieg zu dienen.
Was dann im zweiten Abschnitt des Films folgt ist eine geradezu verschlingende, gnadenlose Offenbarung und Inszenierung der „Hölle auf Erden“. Gibson zeigt uns mit voller Wucht den Grauen des Krieges.
Die dargestellten Schlachtfrequenzen hat man mit so einer Dynamik und Härte noch nicht gesehen, am ehesten sind sie noch mit denen aus „Der Soldat James Ryan“ vergleichbar.
Menschen verbrennen in Zeitlupe, Köpfe explodieren oder werden vom Körper gerissen, Gedärme quirlen aus allen Körperöffnung und Ratten bedienen sich an den Leichen auf dem Schlachtfeld, Mel Gibson hat erst gar kein Interesse irgendwas zu vertuschen.
Mit der Verbindung des brachialen Sounds ergibt sich eine Mischung bei der man sagen kann, dass das Gesehen genau dem ähnelt wie man sich eine Schlacht aus dem 2. Weltkrieg vorstellen würde.
Schnell könnte man Gibson für seine explizite Gewaltdarstellung verurteilen, doch ebenso wie in seinen vorherigen Filmen schafft er es neben diesen brutalen Bildern eine hervorragende Geschichte zu erzählen. Viel mehr bettet er immer wieder faszinierende Persönlichkeiten in ein gewalttätiges, aber realistisches Setting ein.
William Wallace, Jesus von Nazareth, Pranke des Jaguars und nun Desmond Doss, all diese Figuren haben bei Gibson gemeinsam, dass sie nach Prinzipien leben und von diesen trotz aller Widrigkeiten nicht abweichen. Es sind diese mitreißenden Geschichten, die im eigentlichen Mittelpunkt für Mel Gibson stehen.
„Hacksaw Ridge“ ist dennoch nicht perfekt, denn er hat ähnliche Schwächen, die bereits seine Vorgänger innehatten. Auch, wenn er eine reale Geschichte darstellt und Religion und der Glaube an Gott für Doss eine entscheidende Rolle einnahmen, werden diese Aspekte zu sehr fokussiert, was für Gibson aber typisch ist. Ebenso der amerikanische Pathos, der besonders am Ende negativ auffällt und die zu einseitige Darstellung der gegnerischen Japaner, was einen faden Beigeschmack hinterlässt.
Insgesamt ist Mel Gibsons fünfte Regiearbeit dennoch wieder großes Kino geworden, da die kleineren negativen Punkte in der Gesamtbetrachtung nicht so schwer ins Gewicht fallen. In Erinnerung bleiben vor allem die Hauptschlacht, die einem aufgrund der dramatischen und fesselnden Inszenierung lange im Gedächtnis bleiben wird und die wahre Geschichte eines Mannes, der paradoxerweise den schlimmsten Ort der Welt freiwillig wählt und auch dort seinen Prinzipien folgt, um andere Menschen zu retten, obwohl eigentliche jede Hoffnung schon verloren zu sein scheint. Er bringt das Lebendige an die Stätte des Todes und Gibson ehrt dies fulminant.
8,5/10
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