Visionär Ang Lee ist ein beeindruckender Regisseur und dies liegt nicht nur daran, dass in seiner Vita das ein oder andere Meisterwerk steht. Während viele Filmemacher sich in ihrer Karriere auf einige wenige Genre konzentrieren, nutze Lee in den vergangenen Jahrzehnten den ganzen Facettenreichtum der Filmlandschaft aus.
So zauberte er bildgewaltige und mystische Martial-Arts- Filme („Tiger and Dragon“), skizzierte fein herausgearbeitete zwischenmenschliche Dramen („Brokeback Mountain“) oder ihn verschlug es ins Marvel-Universum, um den grünen titelgebenden Helden zu verfilmen („Hulk“).
2012 widmete er sich einem literarischen Werk, welches sich vor allem mit Glaube, Religion und Leben beschäftigt: „Life of Pi“ vom Kanadier Yann Martel. Dieser Roman bildete die Grundlage seines Abenteuerdramas, in dem der junge Inder Pi nach einem Schiffsunglück versuchen muss auf einem kleinen Boot mitten auf hoher See zu überleben. Wäre dies nicht schon schwer genug, gesellt sich auch noch ein Tiger zu ihm an Bord… Diese fantastische Geschichte brachte Lee 4 Oscars ein, unter anderem auch wieder die Auszeichnung für die beste Regie, die er nach seinem Schwulendrama „Brokeback Mountain“ zum zweiten Mal gewinnen konnte.
Generell wurde „Life of Pi“ überwiegend positiv aufgenommen, was ich nur teilweise verstehen kann. Ang Lees Werk besticht durch eine grandiose Optik und atemberaubenden Bildern. Auch die Tricktechnik, besonders die der Tiere, ist meistens faszinierend. Meistens, da man in den letzten 6 Jahren nochmal einiges im Bereich CGI verbessern konnte und im Vergleich zu heutigen Meisterwerken in Bereich Effekte à la „Planet der Affen“ einige Aufnahmen doch abfallen, aber das ist Meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt ist die visuelle Umsetzung von „Life of Pi“ doch sehr gelungen.
Diese tollen Bilder sind nicht nur schön anzusehen, sondern bestechen auch durch einen großen Ideenreichtum, sodass Aufnahmen entstehen, die man so noch nicht gesehen hat. Besonders auf Pi´s Reise auf dem Meer erleben wir Momente zum Staunen, aber auch zum Fürchten (Fleischfressende Insel).
Im Zentrum der Geschichte steht Pi, diesen erleben wir in verschiedenen Altersstufen seines Lebens. Gerade der Anfang und die Einführung in den Film sind sehr gelungen und es wird ein harmonisches und führendes Tempo vorgelegt. Pi wächst einem direkt ins Herz, was für den Verlauf der Geschichte nicht ganz unwichtig ist, da wir ca. 3/4 mit ihm auf dem Meer verbringen.
Trotz dessen, dass er einem sympathisch ist und Schauspieler Suraj Sharma ganzen Körpereinsatz zeigt und die Figur sehr gut verkörpert, stagniert „Life of Pi“ im Mittelteil, was auch Lees großartige Bilder nicht verhindern können.
Der Geschichte des Schiffbrüchigen kann auch durch die Komponente des Tigers nichts wirklich Neues hinzugefügt werden. Des Weiteren wird Spannung aus der Geschichte genommen, da wir von Beginn an wissen, dass Pi überleben wird, schließlich erzählt uns sein erwachsenes Ich die Geschichte.
Zu Beginn hatte ich geschrieben, dass es eine Erzählung über Glaube, Religion und Leben ist und das spürt man im gesamten Film. Was ist eigentlich Religion und ist es nicht völlig irrelevant, was man glaubt? Kann man nicht auch mehrere Religionen haben? Stammen wir nicht alle vom gleichen Schöpfer ab? Dies sind einige Fragen, die aufgegriffen werden, allerdings packen einen diese Glaubensfragen nicht wirklich.
Lees Film möchte poetischer sein als er im Endeffekt ist. Wenn man es so sagen möchte, kann man konstatieren, dass er fast schon kitschig geworden ist. „Life of Pi“ startet den Versuch philosophische Fragen zu beantworten und er vermittelt dabei eigentlich stets ein positives Gefühl- zu positiv. An einigen Stellen hätte er durchaus kritischer sein dürfen, hätte durchaus mehr anprangern dürfen.
Am Ende des Films wird dem Zuschauer eine Frage gestellt, wie er das Gesehene bewertet. Ihm wird augenscheinlich offen gelassen, wie er mit der Geschichte umgeht, doch schlussendlich hat der Zuschauer gar keine andere Wahl mehr, sodass es nur eine Option gibt. Dafür hat uns Lee in zwei Stunden zu sehr mit seiner Wohlfühloase manipuliert.
„Life of Pi“ ist ein wunderbar bebildertes Abenteuerdrama, dass aber nicht den Balanceakt zwischen Optik, Spannung und Philosophie hinbekommt, sodass wir uns zwei Stunden lang satt sehen können, aber am Ende vielleicht doch weniger gesehen haben, als uns lieb wäre.
7/10
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