Gewann letztes Jahr bei den Oscars in der Kategorie „Bester Film“ noch einer der beiden großen Favoriten („Shape of Water“ gegen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“), so gelang dieses Jahr eine kleine Überraschung.
Die Netflixproduktion „Roma“, der Historienfilm „The Favourite“ und das Musikdrama mit Lady Gaga und Bradley Cooper „A Star is Born“ galten als die drei größten Anwärter auf die begehrte Trophäe. Schlussendlich setzte sich allerdings „Green Book“ durch, ein Roadmovie über eine besondere Freundschaft, die auch noch auf wahren Begebenheiten beruht und Rassismus mal nicht als ernstes, düsteres Drama aufarbeitet, wie es in Hollywood in den letzten Jahren des Öfteren der Fall war. Diese Tatsache wurde dem Film oft (stellweise auch zu recht) vorgeworfen, umso überraschender, dass „Green Book“ dann doch von der Academy belohnt wurde.
Der Italoamerikaner Tony Lip hat immer einen lockeren Spruch auf Lager, isst für sein Leben gern und schreckt auch nicht vor einer Prügelei zurück, wenn es mal hart auf hart kommt. Zugleich ist er aber auch liebevoller Ehemann und Familienvater, schlichtweg ein stereotypischer, temperamentvoller Italiener aus dem Bilderbuch. Als 1962 das Lokal, in dem er arbeitet, aufgrund von Umbaumaßnahmen für einige Monate schließt, muss sich Tony auf die Suche nach einem neuen Job machen.
Fündig wird er schließlich beim Afroamerikaner Dr. Don Shirley, der ein gebildeter, hochbegabter Pianist ist und Kontakte in die höchsten Kreise pflegt. Für seine Tournee durch die Südstaaten sucht er einen Chauffeur, der ihn nicht nur von Ort zu Ort fährt, sondern auch in brenzligen Situationen beschützt, denn Afroamerikaner sind in diesem Teil von Amerika nicht gerne gesehen. Tony nimmt den Job an, doch es gibt ein Problem: Auch Tony ist Schwarzen gegenüber voreingenommen…
Was Regisseur Peter Farrelly schlussendlich aus dieser wahren Konstellation gemacht hat, ist ein klassischer Roadmovie mit ganz klassischen Charakterentwicklungen. Bevor die beiden Protagonisten ins Auto steigen weiß man schon wo deren Reise hingeht und enden wird und wäre dies nicht so brillant umgesetzt und geschauspielert und einfach so super sympathisch, man könnte in Langeweile ersticken. Zum Glück kommt in der doch recht langen Lauflänge von 131 Minuten kein einziges Mal Langeweile auf, sondern die Filmminuten vergehen wie im Flug.
Viggo Mortensen sieht absolut nicht mehr aus, wie wir ihn noch als Aragorn aus „Der Herr der Ringe“ kennen: eine dicke Plauze und eine halbe Dose Haargel in den Haaren lassen ihn auch optisch zum heißblütigen Italiener werden. Mimik, Gestik und sein generelles Schauspiel erledigen dann den Rest. Einfach bloß herrlich. Man kann nur froh sein, dass so ein begnadeter Schauspieler sich immer wieder ganz feine Filmperlen raussucht und damit immer Erfolg hat.
Seine Aufgabe ist in „Green Book“ ziemlich schwer. Er spielt einen Rassisten, muss aber trotzdem für das Publikum sympathisch wirken. Und was soll man sagen: Job zu 100 % erfüllt.
Sein Gegenpart Mahershala Ali, der wie 2017 für Moonlight einen Oscar als bester Nebendarsteller erhalten hat, wirkt hingegen kühler, distanzierter und rationaler. Er spielt den Vernünftigen, der, obwohl er weiß, dass er in den Südstaaten ausgegrenzt wird, seine Konzerte dort aufführen möchte. Vielleicht doch nicht so vernünftig? Oder ein Held?
Die Kombination zwischen diesen beiden Schauspielern ist jedoch ein großer Sieg für diesen Film und die Freundschaft, die sich in den 131 Minuten entwickelt ist ein Zeichen an unsere Gesellschaft. Vorzuwerfen ist jedoch, dass all dies nicht immer ganz glaubwürdig ist und Kritiker würden behaupten es endet schon im Kitsch.
Rassismus ist sicherlich kein feel-good Gefühl, doch warum so ernste Themen immer wieder drastisch und schwer verfilmen. Warum nicht den schrecklichen Dingen auf dieser Welt mit etwas Optimismus begegnen? Bilder, die uns warnen und den Spiegel eiskalt vors Gesicht halten, haben wir im Kino die letzten Jahre genug gesehen. „Green Book“ erzählt von einer Freundschaft und verbreitet dabei gute Laune. Man geht aus dem Kino, fühlt sich gut. Reflektiert man das Gesehene? Wohl kaum, aber Kunst kann auch einfach sein und glücklich machen, wie eine gute Freundschaft.
8/10
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