„Hexenkessel“, „Good Fellas“, „Casino“, oder auch der mit Matt Damon und Leonardo DiCaprio besetzte „The Departed“, Martin Scorsese hat mit diesen Filmen nicht nur in den letzten Jahrzehnten das Kino geprägt, sondern auch gleich ein ganzes Genre mit beeinflusst.
Der Mafiafilm ist wohl das Subgenre an das man zuerst denkt, wenn man Scorsese hört. Seine Art des Filmemachens ist einzigartig und stirbt so langsam aber sicher in Hollywood aus. Kein Wunder also, dass er bei seinem neusten Film auf den Streaminganbieter Netflix zurückgreifen musste, da kein großes Studio „The Irishman“ unterstützen wollte. So besaß Scorsese freie Hand, um ein 3,5 stündiges Mafiaepos der ganz alten Schule zu realisieren.
Der Ire Frank Sheeran arbeitet in den 1950er Jahren als einfacher Lastwagenfahrer. Um sich sein Gehalt aufzubessern, nimmt er immer wieder kleine Jobs der italienischen Mafia an, was ihm schnell einen herausragenden Ruf in diesem Milieu verschafft. Martin Scorsese nimmt uns mit auf eine Reise durch die verschiedenen Lebensphasen von Sheeran, zeigt dessen Aufstieg und Freundschaft zum Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa und bebildert hierbei die klassische Zerrissenheit und Integrität der Mafia.
„The Irishman“ ist ein großes Best of aus allen Mafiafilmen, die Scorsese gemacht hat, allerdings ist er zugleich auch ein Abschiednehmen und Entglorifizieren dieser Filme. Denn während „Casino“ und Co. immer eine gewisse Coolheit an den Tag gelegt haben und trotz aller großer Zerwürfnisse stets der Schleier der Unbekümmertheit und familiären Bündnisse über den Protagonisten lag, entmythisiert Scorsese seine Gauner nun. Dieser Schritt erfolgt leider erst im letzten Akt, was dazu führt, dass „The Irishman“ in der Gesamtbetrachtung mehr Best of bleibt, als innovatives Mafiakino.
Das stört jedoch nicht wirklich, da die Zutaten stimmen. Scorsese vereint nochmal alle großen Stars vor der Kamera: Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci… und sogar ein Harvey Keitel ist in einer Nebenrolle vertreten. Zum Cast muss man nicht viel sagen, wer Mafiafilme liebt, wird diesen Cast lieben. Jeder von ihnen spielt hervorragend und man spürt die gewisse Aura dieser Altstars in jeder Szene: Scorsese versammelt die „wahren Helden“ des Kinos zum letzten großen Schlag.
Über die viel diskutierte Verjüngungstechnik gibt es auch nicht viel zu meckern. Den Uncanny Valley Effekt gibt es zum Glück nicht, einzig der ganz junge De Niro sieht gewöhnungsbedürftig aus, ansonsten gewöhnt man sich schnell an die Technik, sodass sie nicht weiter auffällt.
Settings und Ausstattung sind Scorsese-typisch auf ganz hohem Niveau, was natürlich auch dem hohen Budget zu verdanken ist. Insgesamt soll „The Irishman“ 160 Millionen Dollar verschluckt haben.
Scorsese konnte sich mit seinen 3,5 Stunden Lauflänge voll austoben und überraschenderweise ziehen diese sich kaum. Es liegt wohl am Altmeister selbst, der so einen Drive in seine Filme baut, dass diese stets fesselnd sind. Aufmerksamkeit benötigt man dennoch, da „The Irishman“ deutlich politischer geworden ist als zunächst angenommen. Um die ganzen Zusammenhänge und die vielen Charaktere auch in Bezug auf den Gewerkschaftsstreit in Amerika zu verstehen, benötigt es ein waches Auge.
„The Irishman“ ist ein raues, trauriges Spätwerk von Scorsese und bildet wahrscheinlich den Abschluss seiner Mafiareihe. Ein Abgesang auf eine ganze Riege an Schauspielhelden und auf das Genre im Generellen, da solche Filme in Zukunft nicht mehr realisiert werden. Martin Scorsese liefert mit „The Irishman“ das letzte große Mafiaepos unserer Zeit.
8,5/10
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