Eddington

Ari Aster zählt bereits, trotz oder gerade wegen seines noch jungen Alters, zu den spannendsten Filmemachern in Hollywood. Mit seinem Debütfilm „Hereditary“ schuf er bereits das Horror-Meisterwerk unserer Zeit und fiel mit dem Schweden-Folk-Horror „Midsommer“ und dem Freud´schen „Beau is afraid“ kaum bis wenig von der stark vorlegten Qualität seines Erstlingswerk ab.

Mit „Eddington“ brachte Aster nun dieses Jahr einen Film in die Kinos, den er erstens schon viel früher realisieren wollte und zweitens ursprünglich in einer anderen zeitlichen Epoche angesiedelt hatte.

Nach der Corona-Pandemie wusste er aber, dass das Drehbuch umgeschrieben und „Eddington“ ein moderner Western inmitten der Pandemie werden musste.

Mai 2020: Joe Cross ist Sheriff im fiktiven Städtchen Eddington und wie viele seiner Mitbürger ringt er mit den frisch verschärften Corona-Regeln. Maskenpflicht, Abstandsgebote und sein eigenes Asthma treiben ihn regelmäßig an die Grenzen seiner Belastung. Zu Hause wartet die nächste Herausforderung: Seine depressive Ehefrau driftet zunehmend in den Bannkreis einer mysteriösen Sekte, während seine Schwiegermutter ihn Tag für Tag mit neuen Verschwörungstheorien bombardiert. Als ob das Chaos nicht schon vollkommen wäre, steht auch noch die Bürgermeisterwahl bevor. Favorit ist ausgerechnet Ted Garcia – ein Mann, mit dem Joe eine unschöne gemeinsame Vergangenheit verbindet. Um dessen Wahlsieg zu verhindern, fasst Joe einen folgenschweren Entschluss: Er wirft selbst seinen Hut in den Ring.

Ari Aster führt mit „Eddington“ eine objektive Fallstudie jener Zeit durch, die uns allen noch so präsent ist. Dabei verliert er nie seinen Humor und führt uns so durch eine skurrile Situation nach der anderen.

Dabei fällt auf: Aster hat einiges aufzuarbeiten. In einem Interview erzählte er, dass er während der Corona-Pandemie stundenlang durch sein Handy scrollte und von den Eindrücken nahezu überflutet wurde – ganz ähnlich wie es unserer Hauptfigur Joe ergeht.

Joe wird übrigens wunderbar von Asters neuem „Best Buddy“ Joaquin Phoenix verkörpert. Die stetig anwachsende innere Spannung, die er hinter einer scheinbar beherrschten Fassade zu verbergen versucht, spielt Phoenix mit beeindruckender Präzision. Sein Gegenspieler, dargestellt von Pedro Pascal, bleibt hingegen – ebenso wie Emma Stone als Joes in Depressionen gefangene Ehefrau – vergleichsweise blass. Das Zusammenspiel zwischen Pascal und Phoenix funktioniert dennoch hervorragend; nur wirken Pascals Einzelszenen weniger fesselnd als jene, in denen er Phoenix gegenübersteht. Ein weiteres Highlight ist die Verschwörungstheoretikerin Dawn, brillant gespielt von der wunderbaren Deirdre O’Connell.

Im Gegensatz zu dem ebenfalls in diesem Jahr erschienenen „One Battle After Another“, der gefährliche Thesen in den Raum stellte, bezieht Aster keinerlei eindeutige Stellung. Er beobachtet und skizziert vielmehr diesen gesellschaftlichen Macht- und Meinungskampf und das mit erfrischender Ehrlichkeit. Aster schießt in alle Richtungen: Die Verschwörungstheoretiker bekommen ihr Fett weg, ebenso die konservativen Polizisten, die Antifa oder jene weißen Gutmenschen, die plötzlich auf den „Black Lives Matter“-Zug aufspringen.

Aster hält uns gewissermaßen den Spiegel vor. Ein kleines Beispiel aus dem Film: Als die in Utah aufkommenden Black Lives Matter-Proteste erstmals thematisiert werden, erklärt der Polizist Guy, dass ihm nie bewusst gewesen sei, dass sein Kollege Michael – ein Afroamerikaner – schwarz ist. Er habe ihn immer nur als Menschen wahrgenommen. Später jedoch, unter veränderten Umständen, äußert er gegenüber Michael plötzlich rassistische Vorurteile und begründet, weshalb dieser für eine bestimmte Straftat in Betracht kommen könnte.

Der Film wirkt aktueller denn je. Er zeigt, wie tief gespalten unsere Gesellschaft inzwischen ist und wie sehr sich diese Spaltung – nicht unbedingt durch, aber sicher verstärkt während der Pandemie – verschärft hat.

„Eddington“ wird in den USA folgerichtig sehr gespalten aufgenommen. Doch ein Film dieser Art kann kaum anders aufgenommen werden: Fände eine Seite ihn „zu gut“, hätte Aster etwas falsch gemacht. Er will bewusst provozieren, anecken, Reibung erzeugen – und das gelingt ihm mit bemerkenswerter Konsequenz.

Im Mittelteil vielleicht gute zwanzig Minuten zu lang, steuert „Eddington“ im letzten Akt auf eine für Aster typische, völlige Eskalation der Ereignisse zu – ein Finale, das sicher nicht jedem gefallen wird. Insgesamt ist „Eddington“ jedoch sein stärkster Film seit „Hereditary“ und zugleich sein bislang konventionellster.

Spannend wird sein, wie dieser Film in zwanzig Jahren wirkt.

8,5/10

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