Wenn man an romantische Liebeskomödien denkt, fallen einem sofort Filme mit Hugh Grant aus den 90ern und den frühen 2000ern ein. „Notting Hill“ oder Julia Roberts in „Pretty Woman“. Der Klassiker schlechthin in diesem Genre und vor allem für die legendäre Orgasmus-Szene im Restaurant tausendfach rezitiert und gefeiert, ist jedoch „Harry und Sally“ aus dem Jahr 1989, der eine ganze Generation und vermutlich auch viele danach geprägt hat.
Drehbuchautorin Nora Ephron, die quasi eine Koryphäe auf dem Gebiet romantischer Komödien ist, stellt essenzielle Fragen über Liebe, Schicksal und das Leben. All das wird von Regisseur Rob Reiner feinfühlig in Szene gesetzt, der im letzten Jahr leider verstorben ist und als Filmemacher große Erfolge feiern konnte. Unter anderem ist er für die wohl beste Stephen-King-Verfilmung „Stand by Me“ verantwortlich.
Harry und Sally lernen sich Ende der 70er Jahre auf einer 18-stündigen Autofahrt nach New York kennen, da sie beide dort studieren wollen. Der Beginn ihres Kennenlernens ist nicht von gegenseitiger Sympathie geprägt und ihre erste Begegnung endet nicht mit dem Gedanken, dass aus beiden einmal ein Liebespaar werden könnte. Über mehrere Jahre hinweg kreuzen sich ihre Wege immer wieder in New York. Hat das Schicksal doch mehr für Harry und Sally parat?
Können Männer und Frauen nur befreundet sein oder kommt ihnen immer wieder der Sex dazwischen? Diese Frage wirft der Film gleich zu Beginn auf. Es ist der Auftakt einer in tollen Bildern eingefangenen Studie über die Beziehung zwischen Männern und Frauen.
Das Aushängeschild der 80er und 90er Jahre Meg Ryan führt diesen Cast an, damals noch eine Naturschönheit und der Schwarm einer ganzen Generation. Sie spielt die verträumte und zugleich spezielle Sally, die etwa die Angewohnheit hat, im Restaurant stets Extrawünsche und komplizierte Bestellungen aufzugeben. Billy Crystal als Harry steht ihr in nichts nach und verkörpert den neurotischen, zynischen Großstadtmann mit perfektem Timing und enormer Spielfreude.
Rob Reiners „Harry und Sally“ ist nicht nur eine fein pointierte Beobachtungsstudie über das Liebesleben zwischen Mann und Frau, sondern generell über das menschliche Zusammenleben. Während der Witz nie zu kurz kommt, schlägt der Film auch immer wieder ernste Töne im Mantel der Komödie an. „Harry und Sally“ ist ein ehrlicher Film über das Leben. Seine Figuren sind nicht perfekt, müssen sie auch nicht, denn gerade darin liegt ihre große Stärke.
Wenn man solche Filme schaut, weiß man zumeist, wo die Reise hingeht und auch hier ist das nicht anders. In seiner Inszenierung ehrlich und fein, bietet der Film dennoch wenig Überraschungen. Wer mitdenkt, weiß ziemlich schnell, was als Nächstes passieren wird. Doch ist das nicht auch Teil seines Charmes?
Die Stadt New York entwickelt dabei einen ganz eigenen Charakter und den beiden so unterschiedlichen Figuren beim Leben und Lieben zuzusehen, macht einfach Spaß. In knackigen 90 Minuten sind Dialoge und Szenenbild präzise auf den Punkt gebracht und fließen in einem wunderbaren Rhythmus. Amüsant sind zudem die immer wieder eingestreuten Interviewsequenzen mit älteren Paaren, die von ihren oft ungewöhnlichen Kennenlerngeschichten berichten. Das Leben schreibt eben doch die schönsten Geschichten.
Dieses Plädoyer hält „Harry und Sally“ und hat sich damit nicht nur wegen seiner berühmten Orgasmus-Szene zum Kultfilm entwickelt. Die Geschichte ist trotz kleiner Umwege stringent, warmherzig und ohne große Überraschungen – ein echtes Feel-Good-Movie und eine sympathische Studie über Liebe, Freundschaft und das menschliche Miteinander.
8/10
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