Mastermind Sam Raimi hatte sich nach seinem im positiven Sinne verrückten „Drag Me to Hell“ erst einmal eine Pause vom Grusel- und Horrorgenre gegönnt. Mit dem digital überfrachteten Märchen „Die fantastische Welt von Oz“ und seinem Beitrag zum Marvel-Universum „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ erforschte der innovative Regisseur Raimi neue Gewässer. Gerade seine „Spider-Man“- und „Tanz der Teufel“-Filme besitzen absoluten Kultstatus und konnten Kritiker und Fans gleichermaßen überzeugen. Übrigens ist es wirklich bedauerlich, dass die „Evil Dead“-Serie, die auf seinem „Tanz der Teufel“ basiert und zu der er die Pilotfolge und Ideen beisteuerte, eingestellt wurde. Zum Glück erhalten wir mittlerweile trotzdem genügend Nachschub aus dem „Tanz der Teufel“-/„Evil Dead“-Universum; noch in diesem Jahr folgt das nächste Reboot mit „Evil Dead: Burn“, bei dem Sam Raimi wieder auf dem Produzentensessel Platz nahm.
Ganz frisch hat er in diesem Jahr aber seinen nächsten eigenen Spielfilm auf die Leinwand gebracht: „Send Help“. Mit dem für gerade einmal 40 Millionen Dollar produzierten Survival-Thriller mit schwarzkomödiantischen Elementen kehrt Raimi nun zurück zu seinen Wurzeln, entfesselt aber nicht ganz den Wahnsinn seiner früheren Vita.
Angestellte Linda gibt seit Jahren alles für ihren Job und ist das eigentliche Herzstück ihrer Firma. Wenn es aber um das Thema Gehaltserhöhung und Aufstiegschancen geht, wird sie konsequent ignoriert. Dies ändert sich auch nicht als sie einen neuen Chef erhält, der sie noch extremer demütigt und ausnutzt. Als die beiden allerdings auf einer einsamen Insel nach einem Flugzeugabsturz landen, könnten sich die Rollen grundlegend ändern, da Linda absolute Survival-Expertin ist. Ob ihr Chef sie nun dafür weiterhin belächeln wird?
Töte das Patriarchat! So plump könnte man es in den Wald, beziehungsweise in den Dschungel rufen, wenn man „Send Help“ oberflächlich betrachtet. Doch Raimis neuestes Werk ist – zum Glück – nicht so eindimensional. Wer hier gut oder böse ist, wechselt erfrischend oft und je länger der Film dauert, desto mehr erhalten wir Grautöne anstelle klassischer Schwarz-Weiß-Unterteilung.
Hierfür sorgen auch die beiden Hauptdarsteller Rachel McAdams und Dylan O’Brien, die sich in diesem Kammerspiel – nur eben auf einer einsamen Insel – die Bälle wunderbar hin und her spielen. Gerade Rachel McAdams spielt mal etwas ganz anderes und dass sie ihre Rolle so authentisch verkörpern kann, liegt auch am tollen Make-up und Kostüm. Man hat hier nicht das Gefühl, dass man einen Superstar einfach nur hässlich gemacht hat, sondern wirklich eine unhygienische und weniger attraktive Frau auf der Leinwand sieht.
Raimi-typisch haben wir auch in „Send Help“ eine besondere, aber für ihn bekannte Kameraarbeit. Wilde Kamerafahrten in Ego-Perspektive oder unangenehme Zoom-Einstellungen prägen viele Szenen. Wenn die Kamera dranhält, wird zudem auch nicht an Blut gespart und die ein oder andere Einstellung sorgt definitiv zum Weggucken und ist durchaus fies. Ganz so explizit wie zum Beispiel in „Tanz der Teufel“ wird es aber nie.
Dass „Send Help“ „nur“ 40 Millionen Dollar gekostet hat, sieht man leider an den wenigen, aber dann doch sehr deutlichen Computereffekten, gerade beim Flugzeug oder bei Tieren. Das zerstört stellenweise die Immersion. Obwohl „Send Help“ nur knapp 113 Minuten Laufzeit besitzt, hat er im Mittelteil den ein oder anderen Schwenker zu viel, zehn Minuten weniger hätten ihm hier gutgetan.
Insgesamt ist „Send Help“ ein kleiner, aber feiner und vor allem spannender sowie stellenweise fieser Trip von Kultregisseur Sam Raimi. Ein tolles Schauspielerduo lässt uns als Zuschauer immer wieder die Seiten wechseln und sorgt so durchgehend für eine dichte Atmosphäre. Auch wenn nicht jeder Einfall zündet und der Film nicht ganz an Raimis frühere Eskalationen heranreicht, ist ihm ein kurzweiliger, bitterböser Survival-Thriller gelungen, der angenehm aus dem aktuellen Blockbuster-Einheitsbrei heraussticht.
7,5/10
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