Wie bereits im vergangenen Jahr war auch diesmal Ethan Hawke mit einem neuen Film auf der Berlinale vertreten und feierte dort Premiere. War es im letzten Jahr noch das Musical-Drama „Blue Moon“, wurde dieses Jahr „The Weight“ von Padraic McKinley präsentiert. Das Abenteuerdrama setzt dabei auf charakterstarke Darsteller, bildgewaltige Naturaufnahmen und klassische Elemente des Genres. Einen deutschen Kinostart oder offizielles Filmplakat gibt es bisher noch nicht.
Mitten in der Weltwirtschaftskrise 1933 wird der handwerklich begabte Samuel aufgrund unglücklicher Umstände verurteilt und von seiner Tochter getrennt. Fortan muss er unter der strengen Hand des Aufsehers Clancy in einem Arbeitslager Steine klopfen. Mit der Zeit erkennt Clancy Samuels Fähigkeiten und bietet ihm einen Deal an: Gemeinsam mit einer Truppe Mitgefangener soll er Gold durch die Wildnis Oregons schmuggeln. Bei Erfolg winkt ihm eine vorzeitige Entlassung und die Chance, das Sorgerecht für seine Tochter zurückzuerlangen. Ein gnadenloser Wettlauf gegen Natur, Zeit und Mensch beginnt.
Spätestens wenn Russell Crowe als Aufseher Clancy seinen Kautabak auf den Boden rotzt und den Gefangenen unmissverständlich klarmacht, wer hier das Sagen hat, wird deutlich, dass „The Weight“ bewusst mit den bekannten Stereotypen des Genres spielt. Crowe verkörpert den Aufseher als harten Hund mit trügerisch weichem Kern. Dass er neben Hauptdarsteller Ethan Hawke zu den markantesten Gesichtern des Films gehört, verleiht dem Werk spürbar Charisma.
Der heimliche Star des Films ist allerdings Julia Jones, die sich als einzige Frau der männerdominierten Gruppe anschließt. Sie sorgt für den ein oder anderen humoristischen Moment, der immer wieder dosiert eingesetzt wird, um die bedrückende Grundstimmung etwas aufzulockern, ohne sie zu untergraben.
Ethan Hawke spielt in McKinleys Werk den liebevollen Familienvater, der nahezu alle Fähigkeiten besitzt und fast unfehlbar erscheint. Das wirkt stellenweise etwas überzeichnet, mindert aber kaum die emotionale Bindung zu seiner Figur, die Hawke mit gewohnt großer Intensität und Wärme verkörpert.
Gedreht wurde „The Weight“ überwiegend im Bayerischen Wald. Ob Bayern oder Oregon – die Natur ist neben den zwischenmenschlichen Gefahren die größte Bedrohung für die Schmugglertruppe. Gerade Sequenzen, in denen das Gold über fragile Brücken oder durch reißende Flüsse transportiert werden muss, zählen zu den stärksten Momenten des Films.
Dass die Gier nach Gold innerhalb der Gruppe zwangsläufig zu Konflikten führt, ist wenig überraschend. Der Mensch als größte Gefahr für sich selbst ist kein neues Motiv. Kameramann Matteo Cocco legt seinen Fokus stark auf die Figuren, was teilweise schade ist. Der häufige Einsatz von Unschärfe im Hintergrund nimmt der Natur etwas von ihrer brachialen Wirkung. So wird deutlich, dass „The Weight“ stärker auf die psychologische Ebene seiner Protagonisten setzt als auf großes visuelles Spektakel.
In letzter Konsequenz fehlt dem Film jedoch eine kompromisslosere Zuspitzung, wodurch der finale Payoff emotional nicht ganz die erhoffte Wucht entfaltet.
Unterm Strich bietet „The Weight“ klassisches Abenteuerkino mit einem charismatischen Ethan Hawke, starken Bildern und solider Spannung. Zwar mangelt es an echten Überraschungen, doch über seine gesamte Laufzeit hinweg unterhält der Film konstant auf gutem Niveau. Ein solides, handwerklich sauberes Genrewerk, das vielleicht nicht lange nachhallt, aber im Moment seines Erlebens durchaus zu fesseln weiß.
7/10
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