Hereditary

Ursprünglich sollte die Kritik zu Ari Asters Meisterwerk „Hereditary“ schon im Sommer letzten Jahres, also passend zum Kinostart, erscheinen. Leider war es mir in der normalen Kinovorstellung nicht möglich den Film mit voller Aufmerksamkeit zu genießen und mich in die passende Stimmung zu begeben, da der ganze Kinosaal an diesem Abend viel vor hatte; 2 Stunden in Ruhe einen Film zu schauen gehörte leider nicht dazu.

Immer wieder habe ich es in den letzten Jahren erlebt, dass besonders bei Filmen, die für ein Nischenpublikum gemacht sind, die Zuschauerschaft sich unmöglich verhält. Eine kleine Gruppe von Störenfrieden lässt sich durch freundliches Bitten um Ruhe vielleicht kurz ruhig stellen, doch im Falle von „Hereditary“ war es der ganze Kinosaal, der andauernd laut redete, lachte und somit die komplette Atmosphäre zerstörte.

Mittlerweile scheint es in unserer Gesellschaft wohl nicht mehr möglich zu sein sich einfach in Ruhe ins Kino zu setzen und abzuschalten, das Handy mal für eine kurze Zeit auszuschalten und sich voll auf einen Film einzulassen. Streaming Dienste, wie Netflix oder Amazon, werden es in Zukunft auf Kosten des Kinos immer leichter haben große Produktionen und Zuschauer zu gewinnen, da der Konsument lieber Zuhause in Ruhe auf dem Sofa seinen Film genießt. Durch solche Zwischenfälle wie bei „Hereditary“ kann ich dies absolut verstehen.

Im dunklen Zimmer, ganz alleine konnte ich dann endlich vollkommen in Asters Werk eintauchen und was ich erlebte war eine Odyssee des Grauens, die ich auch ein Jahr vorher im Kino erlebte, nur diesmal mit der richtigen Intention.

Asters Kinodebüt ist nicht leicht zugänglich, es spaltet die Meinung und ist überaus interpretierbar und kontrovers. Unterm Strich ist es aber nicht weniger als DAS Horrormeisterwerk auf das wir seit „Shining“ und „Rosemarys Baby“ warten mussten. Gequält mit langweiligen, billigen Gruselschockern , die in den letzten Jahrzehnten wie auf dem Fließband produziert in die Kinos kamen, befreit uns Aster aus dieser Misere und erfasst wieder den wahren Horror, er spielt mit Erwartungen, macht die Angst allgegenwärtig.

„Unterm Strich ist er aber nicht weniger als DAS Horrormeisterwerk…“, was ist denn eigentlich Horror? Was ist Angst?

Ist es nicht eigentlich das, was wir uns vorstellen, wenn wir nachts alleine im Bett liegen. Wenn die Mondstrahlen durch die Jalousien schimmern und die Schatten des Schrankes die Form einer Gestalt annehmen. Wenn wir träumen. Wenn wir uns die schlimmsten Szenarien vorstellen. Wenn wir aus unserem Alltag gerissen werden. Wenn die kleinsten Geräusche uns aufhorchen lassen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und seine größte Angst ist es, dass das Normale zum Horror wird. Wenn der Alltag aus den Fugen gerät, wenn wir die Kontrolle verlieren.

Aster spielt mit unseren Ängsten, denn er nimmt sie ernst. Benutzt den Geisterhorror aber nur als Tarnumhang, denn darunter offenbart sich das wahre Grauen: Das Zwischenmenschliche, die Familie, der Alltag. „Hereditary“ ist auch ein Familiendrama.

Der Tod der Großmutter der Familie Graham ist der Auslöser einer Aneinanderreihung von mysteriösen Vorfällen, Konflikten und löst in der Familie grundsätzliche Fragen über Trauer, Verlust, Vererbung und der Wahl im Leben aus…

„Hereditary“ entwickelt sich langsam. Mit über zwei Stunden Lauflänge ist er überdurchschnittlich lang für einen Vertreter seines Genres, doch die erste Hälfte des Films ist mehr Drama als Horror. Erst dann mixt Aster klassische mystische Elemente des Horrors ein. Bis dahin schafft es der Film aber in der Struktur des klassischen Dramas eine Atmosphäre zu kreieren, die so beklemmend und bedrückend ist, das gerade dieses Gefüge einem förmlich die Luft zum Atmen raubt. Der Horror ist versteckt im Realismus.

Schauspielerisch ist „Hereditary“ vollkommen. Was Toni Collette hier abliefert ist unbeschreiblich, sie spielt sich komplett in einen Rausch und schreit, gestikuliert, trauert und fürchtet sich mit vollem Körpereinsatz die Seele aus dem Leib. Sie ist das Oberhaupt der Familie, die ihre Vergangenheit nie wirklich abschließen kann und stets im Konflikt mit ihrer eigenen Mutter stand. Dieses zerrüttete Verhältnis hat starke Auswirkung auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder, auch wenn es ihr nicht immer bewusst wird.

Die beiden Kinder der Grahams werden von Alex Wolff, der einen zunächst stereotypischen Teenager spielt und dann völlig überrascht, indem er eine ganze Bandbreite von Emotionen in einer schauspielerischen Explosion darbietet, und Milly Shapiro verkörpert. Diese ist in ihrem Agieren eher zurückhaltend, vermag nur durch ihr Äußeres eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. Ich bin mir sicher von ihr werden wir in Zukunft noch einiges zu sehen bekommen.

Steve Graham, der Familienvater, symbolisiert den Ruhepuls der Familie. Er ist stets rational und im Großen und Ganzen ein liebevoller und fürsorglicher Vater. Genauso versinnbildlicht ihn Routinier Gabriel Byrne, der es uns als Zuschauer erlaubt immer ein wenig durchzuatmen, wenn er im Bilde ist.

Aster unterstreicht sein Meisterwerk mit einem Soundtrack, der gespickt ist mit teilweise ewig langen Tönen, die manchmal nie enden wollen oder abrupt aufhören. Er durchbohrt uns mit seiner Musik, macht uns zu seinem Sklaven, er bringt uns, wie seine Akteure, an den Rand des Wahnsinns. Komponist Colin Stetson geht sogar so weit, dass er verschiedenste Töne übereinander legt, die in ihrem Zusammenspiel Klänge ergeben, die irrsinnig und furchteinflößend zu gleich sind und dann wieder plötzlich in absoluter Stille enden.

„Hereditary“ ist eine Tortur der Angst, eine nie dagewesene Achterbahnfahrt der Gefühle, die in einem Ende mündet, was dann teilweise klassischer Horror ist und zwar schockiert, aber dabei so schön und fein gefilmt ist, dass viele mit gemischten Gefühlen zurückbleiben werden.

Asters Werk ist so voller Motive, das man es zwei, drei Mal sehen muss, um es gänzlich zu verstehen. Wenn es dann in wunderschön komponierten Bildern endet, endet „Hereditary“ wie er angefangen hat: Mit einer Metapher der Beklemmung, der Angst, des Lebens, der Familie.

10/10

4 Antworten auf „Hereditary

Add yours

  1. Absolut tolle Kritik! Du hast definitiv ein Talent zum Schreiben! 🙂 ich muss dir zustimmen, ich konnte den Film auch nicht in Ruhe im Kino sehen und der Film erschien mir zunächst durchschnittlich. Hereditary ist aber ein Film bei dem es sich lohnt gespoilert zu werden, wodurch er viel besser verständlich wird, was die Brilianz des Film hervorbringt. So zum Beispiel die „Glitzerlichter“, die zeigen in welchem Körper Paimon ist. Ein Film, den man definitiv ein zweites mal oder mit Vorwissen sehen sollte 🙂

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Katharina Hermann Antwort abbrechen

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑