Der Leuchtturm

A24 ist aktuell wohl die aufregendste Produktionsfirma und hat mit Filmen wie „Hereditary“, „The VVitch“, „Spring Breakers“ oder auch „Green Room“ ganz Abseits vom typischen Hollywood Mainstreamkino einige Perlen geschaffen.

Besonders die beiden Regisseure Ari Aster und Robert Eggers konnten mit ihren innovativen, ganz andersartigen Werken glänzen und schufen im Kino wieder Platz für stark künstlerisch angehauchte Filme.

Leider laufen diese Filme besonders in den kleineren Kinos nicht immer und werden so noch nicht für die breite Masse zugänglich. Ebenso war dies bei Robert Eggers neustem Werk „Der Leuchtturm“ der Fall, der ohne Zweifel zu den stärksten Filmen des vergangenen Jahres zählt.

Ende des 19. Jahrhunderts treten die beiden Leuchtturmwärter Thomas Wake und Ephraim Winslow ihren vierwöchigen Dienst auf einer einsamen Insel an. Thomas ist ein erfahrener Seemann, der während der gemeinsamen Schicht das Kommando übernimmt und Winslow von Arbeitsauftrag zu Arbeitsauftrag scheucht. Dieser ist hingegen gelernter Holzfäller und fängt die Stelle als Leuchtturmwärter nur an, um mit den Geistern seiner Vergangenheit abzuschließen. Als ein heftiger Sturm den Aufenthalt der beiden Männer verlängert, spitzen sich die angestauchten Spannungen zwischen Thomas und Winslow immer weiter zu…

„Der Leuchtturm“ ist ein ungewohntes, ganz neues Seherlebnis und sowohl für die Protagonisten als auch für den Zuschauer eine wahre Odyssee. Eggers schildert seine mystische Seemannsgeschichte in schwarz weißen Bildern im 4:3 Format, sodass die Bilder 1:1 aus einem Fotoalbum des 19. Jahrhunderts stammen könnten. Wenn die düsteren, tristen Bilder immer wieder durch nervenzerreißendes Dröhnen und Mark und Bein durchdringende Streichmusik durchflutetet werden, kratzt das auch an der Psyche des Zuschauers, denn in Kombination mit einem wahnsinnigen Schauspiel verliert man langsam das Gefühl für Realität und Traum.

Die beiden Hauptdarsteller Robert Pattinson und Willem Dafoe liefern eine der beeindruckendsten Performances der letzten Jahre ab, unverständlich das beide von der Academy vernachlässigt wurden. Beide spielen sich um den Verstand und schreien, fluchen, weinen und masturbieren sich in einen Rausch. Besonders ist hier zu empfehlen Eggers Werk im Originalton zu schauen, da wie für Eggers üblich die Darsteller im Slang der damaligen Zeit reden. Das vertieft die Authentizität und macht das Ganze noch eindringlicher. Untertitel sind allerdings hier sinnvoll, da viele Wörter dementsprechend gar nicht mehr existieren und durch das viele Fluchen und Nuscheln nicht alles immer direkt verständlich ist.

„Der Leuchtturm“ ist durch und durch Kunst und wird mit Sicherheit nicht jedem gefallen, da er sehr sperrig ist und zugegebenerweise handlungstechnisch nicht viel passiert, gerade für fast zwei Stunden Lauflänge. Kann man sich auf Robert Eggers zweiten Spielfilm allerdings einlassen, saugt die Intensität dieses Filmes einen förmlich auf.

Eggers „Leuchtturm“ ist eine Parabel auf die Industrialisierung und gespickt mit unzähligen Anspielung auf die griechische Mythologie, aber auch auf das Christentum. Die Zusammenhänge der beiden Protagonisten zu bestimmten Gottesbildern, aber auch die Bedeutung des Leuchtturmes an sich bieten viel Interpretationsspielraum, was die Handlung an sich sehr kryptisch wirken lässt. Das kann im ersten Moment verwirren, da es zu keiner Zeit zu klaren Positionierungen kommt und die Vermischung von Traum, Wahn und Realität von Minute zu Minute stärker wird. Deshalb kann der eigentliche Wow-Effekt vielleicht auch erst nach dem Sehen eintreffen, wenn man sich ein wenig mit der Materie beschäftigt. Andere Themen, die Eggers verarbeitet, sind sexuelle Triebe und Unterdrückungen, sowohl im Zwischenmenschlichen, als auch in der Individualität. Dies macht den „Leuchtturm“ auf unterschiedlichen Ebenen verstörend.

Bilder, die man eigentlich nicht sehen sollte, ein wahnsinniges Schauspiel und eine mythologisch durchtränkte Geschichte…Das ist Kino, das durch Mark und Bein geht. Das ist Kunst, die definitiv nicht jedem gefallen wird.

Robert Eggers „Der Leuchtturm“ ist jetzt schon ein moderner Klassiker.

9/10

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