Call Me by Your Name

Vierfach Oscarnominiert und einmal ausgezeichnet, ist die allgemeine Resonanz auf die Verfilmung des gleichnamigen Romans „Call Me by Your Name“ fast durchweg positiv bis überschwänglich. Der italienische Regisseur Luca Guadagnino, der zuletzt auch das Hexen-Ballett-Drama „Suspiria“ neu verfilmte, setzte 2017 die romantische Literaturvorlage von Andre Aciman mit Timothée Chalamet und Armie Hammer in den Hauptrollen um und besonnte sich dabei auf das, was das Kino im eigentlichen Sinne ist: die Verbildlichung von Gefühlen und Sinnen.

Wir schreiben die 1980er Jahre in Norditalien: Der 17-jährige Elio verbringt den Sommer über bei seinen Eltern auf deren Landsitz und vertreibt sich die Zeit mit Schwimmen, Musik transkribieren und dem Flirten mit Mädchen. Sein Vater, ein Geschichtsprofessor, lädt jedes Jahr zu dieser Zeit einen ausländischen Studenten ein, damit dieser ihn bei seiner Forschungsarbeit unterstützt. In diesem Sommer ist es der 24-jährige Oliver aus Amerika, der Elio mit seinem selbstbewussten Aussehen und Auftreten beeindruckt. Im Rausch der idyllischen Toskana entwickelt sich zwischen den beiden jungen Männern eine innige Freundschaft und Liebe…

Regisseur Luca Guadagnino offenbart uns in seinen lichtdurchfluteten Bildern nicht bloß die außergewöhnliche Liebe zwischen zwei Männern, sondern präsentiert die Liebe, völlig unabhängig von der sexuellen Ausrichtung, in ihrer vollen Blüte. Die ersten Blicke, das langsame Herantasten, die vollkommene Leidenschaft, das absolute Glück und Überschwängliche, aber auch die zerbrechliche Abhängigkeit und das Undefinierbare. Die Verbildlichung einer ersten Liebe in heißen, perfekten Sommertagen ist Guadagnino grandios gelungen. Man schmeckt die Früchte, man spürt die Sonnenstrahlen auf der Haut und man driftet völlig ab in die sommerliche Toskana. Die Bilder des thailändischen Kameramanns Sayombhu Mukdeeprom laden zum Träumen ein.

Die beiden jungen Liebenden werden verkörpert von Timothée Chalamet und Armie Hammer. Beide sind tolle Charakterdarsteller und spielen ihre Rollen für sich genommen gut. In der Kombination miteinander gibt es allerdings Probleme. Die Bilder des Kennenlernens, die Momente mit allen Facetten der Liebe zwischen Oliver und Elio sind glaubhaft rübergebracht, aber die Chemie zwischen beiden will so richtig nie entflammen, was deren Liebe zwar glaubhaft, aber nie mitreißend macht.

Das liegt zum einen daran, dass beide Figuren in der ersten Hälfte des Films ziemlich unsympathisch wirken. Bei Elio ändert sich dies in der zweiten Filmhälfte, Oliver bleibt hingegen durchgehend undurchsichtig. Das mag das Mysteriöse des Kennenlernens widerspiegeln; muss für mehr Emotionen im Verlauf aber umschwenken, das tut es jedoch nicht. Des Weiteren ist das Schauspiel von Armie Hammer oft zu drüber, was einige Szenen sehr anstrengend und abstrus wirken lässt.

Generell ist die erste Hälfte des Films nicht ganz gelungen, denn es passiert nichts. Schöne Bilder hin oder her, wenn man das Gefühl des sommerlichen Norditaliens einmal verinnerlicht hat, möchte man dass es weitergeht, jedoch kommt es zum zwischenzeitlichen Stillstand. In Kombination mit den zunächst unsympathischen Figuren erhält man eine abstoßende Wirkung.

Zum Glück ändert sich dies nach den ersten 70-80 Minuten und „Call Me by Your Name“ liefert einige intensive Szenen, die das Liebesdrama zu einem eidringlichen Seherlebnis machen. Das Ganze mündet in einer der stärksten Vater-Sohn Szenen aller Zeiten, die so authentisch, ehrlich und herzzerreißend ist, dass man für einen Moment alles um sich herum vergisst. Somit ist Michael Stuhlberg, der den Vater von Elio spielt, der heimliche Star des Films.

Er spielt einen aufgeschlossenen Vater in einer Zeit, in der Homosexualität nicht so akzeptiert war, wie heute. Auch hier hätte man sich für Spannung und Drama etwas mehr Hindernisse gewünscht, in Norditalien scheint allerdings alles perfekt. Das kann eine erfrischende Abwechslung sein, wenn in der viel zu langen Laufzeit von 133 Minuten zu wenig passiert, wirkt die Handlung aber zäh.

„Call Me by Your Name“ ist ein wirklich schöner Film, der mit tollen Bildern die erste Liebe skizziert und das Kennenlernen der eigenen Sexualität erwachsen thematisiert. Die schwache erste Hälfte und die nicht immer passende Chemie der Hauptdarsteller werten Luca Guadagninos Werk jedoch ab.

7/10

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