Frankenstein

Kann denn kein großes Studio mehr ambitionierte Filme von ambitionierten Regisseuren ins Kino bringen? Nun ja – die Studios werden nach und nach aufgekauft und die Streaming-Anbieter sind längst die Zukunft. Traurig irgendwie, oder?

Guillermo del Toro hat inzwischen bereits seinen zweiten Film von und für Netflix produzieren lassen. Nach „Pinocchio“ adaptiert er nun also den nächsten literarischen Klassiker: Frankenstein. Und man fragt sich unweigerlich: Brauchen wir das wirklich?
„Nosferatu“ (2024) von Robert Eggers hat mit drei Ausrufezeichen geantwortet: Ja, brauchen wir!

Wenn ambitionierte Regisseure alte Stoffe neu interpretieren, kann das durchaus funktionieren. Und del Toro ist immerhin bekannt für außergewöhnliche Bilder, praktische Effekte, morbiden Horror und groteske Figuren. Passt also – zumindest in der Theorie.

Nordpol, 1857: Ein dänisches Expeditionsschiff steckt im Eis fest, die Mannschaft ist am Ende ihrer Kräfte. Dann finden sie auch noch den Wissenschaftler Viktor Frankenstein, der von einem mysteriösen Wesen verfolgt wird. Das Monster können sie zunächst kurz vertreiben, sodass Frankenstein dem Captain seine Lebensgeschichte schildern kann. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht – das Wesen scheint unsterblich.

Das rote N erscheint, man reibt sich die Hände und freut sich auf del Toros neuestes Werk – doch dann? Verwunderung. Habe ich den falschen Film ausgewählt? Skeptische Blicke. Das verschneite Eis wirkt wie aus einem Animationsfilm und selbst die Menschen scheinen digital übermalt. Optische Täuschung oder einfach schlechte Effekte? Leider Letzteres. Und es wirkt kaum denkbar, dass die Kino-Version wesentlich besser ausgesehen haben soll.

Im Verlauf der rund 150 Minuten bessert sich das kaum. Die CGI-Effekte bleiben schwach, obwohl im Making-of zahlreiche handgebaute Sets und praktische Effekte zu sehen sind. Eine böse Vorahnung, was Netflix künftig unter „Prestigeproduktion“ verstehen könnte?
Die Zweiteilung der Geschichte ist gelungen: Zuerst aus der Perspektive Frankensteins, dann aus jener des Monsters.

Mia Goth überzeugt in einer Doppelrolle, wie so oft, wenn es morbide Stoffe sind. Oscar Isaac spielt Frankenstein kalt und berechnend; der frühe Verlust seiner Mutter hat ihn zu einer fast empathielosen Figur gemacht. Wer ist hier eigentlich das wahre Monster?
Das Kreaturendesign hingegen ist gewöhnungsbedürftig – eine Mischung aus dem Konstrukteur aus „Prometheus“und Abe Sapien aus „Hellboy“. Doch Jacob Elordi als Darsteller des Monsters ist stark: Vor allem im zweiten Akt empfindet man echtes Mitgefühl für Frankensteins Geschöpf.

Natürlich mag del Toro es blutig: Es gibt einige brutale Einschübe, überraschend wenig Nacktheit und ein Finale, dessen Grundidee bereits in Minute eins absehbar ist.

Guillermo del Toro erreicht seit „Pans Labyrinth“ seine frühere Klasse nicht mehr. Auch diese Netflix-Produktion ist keine gute Werbung für hauseigene Streaming-Filme.
Am Ende bleibt ein morbides, visuell üppig ausgestattetes Literatur-Remake, das seinen beachtlichen Cast nicht voll ausschöpft, effekthascherisch daherkommt , aber dennoch solide unterhält.

6,5/10

3 Antworten auf „Frankenstein

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