Alle Jahre wieder scheint das Vampirgenre neue Perlen hervorzubringen. Waren es Mitte/Ende der 90er noch Roadmovie-Slasher wie „From Dusk Till Dawn“, folgten Ende der 2000er skandinavische Meisterwerke wie „So finster die Nacht“. Zuletzt begeisterte der stilisierte, gesellschaftskritische „Blood & Sinners“. Das Genre hat sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden oder besser gesagt: neu aus dem Hals gesaugt. Und doch ist man inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem man das Gefühl hat, alles schon einmal gesehen zu haben.
Wenn sich Robert Eggers dem wohl berühmtesten Stoff der literarischen Horrorgeschichte widmet, erwartet man vor allem zwei Dinge: historische Akkuratesse und eine ganz eigene Handschrift.
„Nosferatu“ von 1922, eine lose Adaption von Bram Stokers „Dracula“, gilt als Meilenstein des Stumm- und Horrorfilms. Die Geschichte wurde nach Deutschland verlegt, aus Graf Dracula wurde Graf Orlok – im Kern blieb sie jedoch dieselbe. 1979 interpretierte Werner Herzog den Stoff neu und machte Klaus Kinski mit seiner Darstellung unsterblich. 2025 folgte nun Eggers’ Version – von einem der spannendsten Regisseure unserer Zeit.
Der junge Thomas Hutter reist im Auftrag seines Arbeitgebers nach Transsilvanien, um mit dem geheimnisvollen Grafen Orlok einen Immobilienvertrag abzuschließen.
Währenddessen verfällt seine Frau Ellen in seltsame Visionen und Albträume.
Orlok entwickelt eine obsessive Verbindung zu Ellen und bringt Tod und Verderben in ihre Heimat.
Ein Kampf zwischen Begehren, Verfall und unausweichlichem Schicksal beginnt.
Eines der meistdiskutierten Themen im Vorfeld war die Frage: Wie wird Graf Orlok diesmal aussehen?
Eggers liefert eine überraschend konsequente Antwort: Wir sehen einen transsilvanischen Adligen des 15. Jahrhunderts – historisch so akkurat wie wohl nie zuvor. In jeder Einstellung tropft diese Genauigkeit aus den Poren des Films. Kostüm- und Make-up-Design sind atemberaubend und voller Anmut.
Besonders Graf Orlok selbst – Bill Skarsgård ist kaum wiederzuerkennen. Er absolvierte Sprachunterricht, um seine Stimme fremd, alt und körperlos wirken zu lassen. Der Tod spricht aus seinem Körper, die Zeit aus seiner Seele. Der deutsche Untertitel „Der Untote“ passt hier außergewöhnlich gut: Eggers’ Orlok ist eine wandelnde Leiche und zugleich eine bedrohliche Bestie. Eine beeindruckende, beinahe körperlich spürbare Performance.
Ursprünglich war Anna Taylor-Joy als Ellen Hutter vorgesehen, letztlich übernahm Lily-Rose Depp und liefert eine herausragende Leistung. Mit vollem Körpereinsatz spielt sie Schmerz, Begierde, Lust und Sehnsucht aus sich heraus. Ihre Darstellung ist roh, intensiv und mutig.
Eggers’ „Nosferatu“ ist körperlicher als frühere Verfilmungen, am ehesten noch vergleichbar mit Coppolas „Dracula“, jedoch stilistisch vollkommen eigenständig. Die psychosexuelle Dynamik zwischen Orlok, Ellen und Thomas Hutter (erneut eher defensiv gespielt von Nicholas Hoult – eine Figur, die in fast jeder Verfilmung verblasst) nimmt enorm viel Raum ein und bildet das emotionale Zentrum des Films.
Ebenfalls hervorzuheben ist Willem Dafoe, längst eine männliche Muse Eggers’. Als exzentrischer Gelehrter Albin Eberhart von Franz – eine Art deutscher Van-Helsing-Verschnitt – darf er völlig frei drehen und sorgt für die wenigen humoristischen Momente in dieser düsteren Symphonie des Grauens.
So überzeugend Schauspiel, Ausstattung und Atmosphäre auch sind, bleibt „Nosferatu“ dennoch Eggers’ bislang schwächster Film. Das liegt weniger an seiner Inszenierung als am Stoff selbst: Wer mit der Geschichte vertraut ist, wird keine überraschenden Wendungen erleben. Eggers versucht, dies durch eine erdrückende Atmosphäre zu kompensieren – mit wechselndem Erfolg. Wie in einem Theaterstück reiht sich Szene an Szene und Kenner wissen stets, was als Nächstes kommt.
Man könnte von selbstgewähltem Leid sprechen. Eggers wollte dieses Remake immer machen – ein Herzensprojekt, das man in jeder Einstellung spürt. Sein schwächster Film bleibt dennoch ein sehr starker Genrevertreter und einer der stilvollsten Vampir- und Horrorfilme der letzten Jahre.
Atmosphärisch dicht, psychisch wie physisch fordernd, sowohl für Publikum als auch Darsteller, verleiht Eggers „Nosferatu“ dem Mythos einen historisch akkuraten, düsteren Punch. Fanherzen schlagen höher – wirklich Neues bietet der Film jedoch nur selten.
8/10
Blood & Sinners habe ich noch vor mir.
Bin eigentlich kein Fan von Remakes aber Vampire liebe ich. So habe ich mir den Film doch angeschaut. Ich fand ihn auch sehr klasse.
LikeLike
Ich konnte den Hype um Blood&Sinners nicht ganz nachvollziehen, aber fand ihn trotzdem stark!
LikeLike
Hab gerade B&S geschaut. Dachte bis zur Hälfte schon, ich hab den falschen Film ausgewählt. War eher Südstaaten – Drama denn Vampirhorror. Letztendlich passte es aber wunderbar zusammen.
LikeGefällt 1 Person
Fast schon wie From Dusk Till Dawn
LikeLike
Ein wenig schon aber trotzdem richtig gut. Ich fand das sehr passend, dass es erst so spät mit den Bösen los ging.
LikeGefällt 1 Person
Das hat mir auch gut gefallen. Schade, dass ich ihn im Kino verpasst habe. Denke die Bilder hätten da nochmal eine andere Wucht entfalten können.
LikeLike
Im Nachhinein hätte ich den auch gern im Kino gesehen.
LikeGefällt 1 Person