Ein Mann, der gefühlt bereits hundert Leben gelebt hat, dessen Filmproduktionen so unglaubliche Geschichten hervorbrachten, dass sie fast wie Mythen wirken und der es sogar schafft, mit Ausschnitten aus seiner Antarktis-Dokumentation eine ganze Gen-Z-Generation auf Social Media zum Nachdenken zu bringen – all das klingt so skurril und faszinierend zugleich, dass man beim Recherchieren über Werner Herzog immer tiefer in seine Welt eintauchen möchte. Herzog ist nicht nur einer der größten deutschen Regisseure, sondern zugleich einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Filmschaffenden der Kinogeschichte.
Mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ arbeiteten das deutsche Enfant terrible Klaus Kinski und Werner Herzog erstmals zusammen. Schon die Entstehungsgeschichte des Films wirkt beinahe legendärer als viele andere komplette Filmografien. Herzog schrieb das ursprüngliche Drehbuch nach eigenen Aussagen während einer Busfahrt seines Fußballvereins, umgeben von betrunkenen Mannschaftskollegen, die ihn permanent störten und sich teilweise sogar über die Seiten erbrachen. Das Originaldrehbuch gilt heute als verschollen. Und auch am Set herrschte Ausnahmezustand. Kinski rastete regelmäßig aus, drohte die Produktion zu verlassen, woraufhin Herzog ihm angeblich androhte, ihn zu erschießen, sollte er wirklich verschwinden. Die Grenze zwischen Wahnsinn und Kunst verschwamm bei dieser Produktion offenbar völlig.
Im 16. Jahrhundert wird die Expedition spanischer Konquistadoren erzählt, die sich auf die Suche nach der sagenumwobenen Goldstadt Eldorado machen. Unter unmenschlichen Bedingungen kämpft sich die Gruppe durch den Amazonas-Dschungel. Als ein kleinerer Suchtrupp ausgesandt wird, um Nahrung und neue Routen zu finden, geraten die Männer zunehmend an ihre Grenzen. Während viele umkehren wollen, erkennt der ehrgeizige Aguirre seine Chance. Er beginnt einen Aufstand gegen die Führung der Expedition und verfolgt fortan besessen seinen eigenen Weg Richtung Eldorado.
Nicht wenige sehen in „Aguirre“ einen der wichtigsten Wegbereiter für Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Coppola selbst gab offen zu, stark von Herzogs Werk inspiriert worden zu sein. Und tatsächlich spürt man die Parallelen sofort: der Marsch in den Wahnsinn, die Reise ins Unbekannte, der Verlust jeglicher Ordnung und Moral. Herzog bebildert diesen Weg in hypnotischen, fast dokumentarisch wirkenden Aufnahmen. Es wirkt beinahe so, als würden die Konquistadoren ihr eigenes Schicksal von Beginn an kennen. Ein Umkehren wäre möglich, doch die Gier treibt sie immer weiter voran.
Herzog bleibt mit seiner Kamera ständig nah an seinen Figuren. Viele Szenen leben von Mimik, Blicken und den intensiven Close-ups, gerade bei Klaus Kinski. Dieser spielt Aguirre wie eine wandelnde Krankheit, völlig zerfressen von Größenwahn und Besessenheit. Sein ausuferndes Spiel wirkt dabei nie künstlich, sondern fast beängstigend echt. Immer wieder kontrastiert Herzog die unfassbare Schönheit des unberührten Amazonas mit dessen brutaler Gleichgültigkeit. Der Dschungel verschluckt die Figuren förmlich.
Gefahr droht dabei nicht nur durch Hunger, Krankheit oder den Fluss selbst, sondern immer wieder auch durch Angriffe der unsichtbar wirkenden Indianer aus dem Dickicht des Dschungels. Pfeile schlagen plötzlich ein, Menschen verschwinden, Panik breitet sich aus. Gerade diese ständige Unsicherheit macht den Film so bedrückend. Umso absurder wirkt rückblickend eine reale Begebenheit vom Set: Hungrige Statisten griffen während der Dreharbeiten wohl zu Obst aus einem verlassenen Indianerdorf, woraufhin Kinski vollkommen ausrastete und mit einem Schwert auf sie losging. Einen Statisten verletzte er dabei beinahe tödlich. Herzog ließ die Szene später tatsächlich im Film.
Auch die Musik trägt enorm zur Atmosphäre bei. Der sphärische Soundtrack der Band Popol Vuh wirkt entrückt und beinahe spirituell. Zusammen mit den ruhigen Kamerafahrten entsteht eine traumartige Stimmung, die sich immer tiefer in den Wahnsinn hineinfrisst. Viele Bilder wirken wie Gemälde und bleiben lange im Kopf.
„Aguirre, der Zorn Gottes“ ist langsam erzählt und dürfte für moderne Sehgewohnheiten ein echter Slow Burner sein. Wer sich jedoch darauf einlässt, fährt gemeinsam mit den Konquistadoren immer tiefer hinein in die Verdammnis. Herzog erschafft dabei kein klassisches Abenteuerkino, sondern eine fiebrige Studie über Macht, Gier und Wahnsinn.
8,5/10
Ich liebe diesen Film. Kinski ist einfach nur geil.
LikeLike