Ari Aster bescherte uns im letzten Sommer mit seinem Debütfilm „Hereditary“ „das Horrormeisterwerk auf das wir seit „The Shining“ gewartet haben“. Nervenaufreibend, ein nie enden wollender Terrorakt, der seine ganz große Stärke daraus zog, dass er das Alltägliche, das Zwischenmenschliche zum Horror machte. Der Ausnahmeregisseur schuf sich gleich mit seinem ersten Kinofilm ein Denkmal, was er nun mit „Midsommar“ fortführen will.
Laut eigener Aussage hat Aster bereits etliche weitere Drehbücher fertiggestellt. Mit „Midsommar“ wird die Reise in Horrorgefilde allerdings erstmal enden, aber auch sein zweiter Spielfilm ist schon deutlich weniger Horror im klassischen Sinn als „Hereditary“.
Man solle die beiden Filme nicht miteinander vergleichen, so Aster, allerdings lassen sich Parallelen kaum von der Hand weisen. Sowohl „Hereditary“ als auch „Midsommar“ beinhalten Themen der Trauerverarbeitung, ritualisierter Kulthandlungen und sogar der Schlussakt ähnelt sich in gewisser Weise bezüglich Zeremonie und Setting. Somit muss sich „Midsommar“ unverweigerlich der großen Hürde seines Vorgängers stellen. Doch worum geht es in Asters zweiten Kinofilm?
Nach einem grausamen Trauerfall in der Familie geht für Studentin Dani die Welt unter. Halt sucht sie bei ihrem Freund Christian, der allerdings lieber mit seinen Freunden auf einen Studententrip nach Schweden fahren möchte und nicht mehr viel für Dani empfindet. Geplagt von Schulgefühlen lädt er Dani schließlich doch ein ihn und seine Freunde nach Schweden zu begleiten. Angekommen in der nordischen Idylle, besuchen sie die kleine Gemeinde ihres Freundes Pelle, der dort aufgewachsen ist, um gemeinsam die Sommersonnenwende zu feiern. Nach und nach müssen Dani und ihre Freunde jedoch feststellen, dass die zunächst friedlichen Feierlichkeiten aus dem Ruder laufen…
Asters weiblichen Hauptdarstellerinnen wird immer alles abverlangt. Florence Pugh, die Dani spielt, weint und kreischt sich die Seele aus dem Hals und hat von allen Akteuren den schwierigsten Part, den sie aber ohne jeden Zweifel mit Bravour meistert. Eine Berücksichtigung bei den Oscars 2020 wäre verdient. Besonders ihre ständigen Nervenzusammenbrüche spielt sie mit einer solchen Tragik und Authentizität, dass man als Zuschauer nur mit weinen möchte.
Für diese psychologischen Trauermomente hat Aster einfach ein Händchen. Gerade die ersten 10- 15 Minuten von „Midsommar“ erschlagen einen als Drama und man spürt die Wucht mit der auch „Hereditary“ auf einen eingewirkt hat. Diese Stoßkraft wird allerdings leider nicht aufrechterhalten.
Noch stärker als in seinem Debütfilm geht Aster nämlich über die visuelle Ebene. Das Setting des schwedischen Dorfes, die perfekt inszenierten Choreographien der kulturellen Rituale oder auch die explizite Gewaltdarstellungen vermitteln ein paradoxes Gefühl von Geborgenheit und Abscheulichkeit. „Midsommar“ erzeugt durchgehend ein anstrengendes Gefühl, jedoch ist dieses anders als bei „Hereditary“ nicht entladend, sondern langezogen, im wahrsten Sinne. Die 145 Minuten sind zu lang, gerade im Mittelteil passiert nicht viel. Obwohl sich die Ereignisse zu spitzen, ist der Spannungsaufbau eher subtil, man weiß nie was passiert- Ausbrüche sind jederzeit möglich.
Aster quält mit langen Einstellungen, die sich manchmal doppeln, nur um uns nochmal die Abläufe eines heidnischen Kultes darzustellen, was optisch grandios ist, aber einem nicht den Boden unter den Füßen wegreißt.
Ein weiterer Grund hierfür ist auch, dass „Midsommar“ stellenweise sehr lustig geworden ist. Manchmal gewollt, in einigen Momenten aber auch ungewollt, was den Bann löst. Aster lockert die Atmosphäre, ermöglicht dem Zuschauer durchzuatmen, etwas was er bei „Hereditary“ nicht getan hat. Verantwortlich ist dabei vor allem Will Poulter, der den dauerbekifften Marc spielt, er sorgt für die one-liner im Film.
Asters Darstellung der Studenten ist auch eine gesellschaftliche Kritik. Zu keinem Zeitpunkt stellen sie sich wirklich kritisch gegen diese kulturelle Gegebenheit im kleinen schwedischen Dorf. Widerstand ist kaum vorhanden, sie ergeben sich ihrem Schicksal. Gerade Studenten, die wissbegierigen, stets kritischen Begutachter unserer Zukunft verhalten sich plump, geradezu dämlich. Aster schafft es hier, eine ähnliche Grundhaltung beim Zuschauer zu schaffen. Man ertappt sich dabei, wie man diesen Kult, diese Rituale verstehen kann- sie machen es halt immer so und wenn es immer so war, dann ist es gut?
Dani braucht diese heidnischen, stark familiären Bündnisse, um ihre Trauer zu verarbeiten, etwas was die westliche Welt ihr nicht geben konnte. Aster verteidigt und kritisiert zu gleich, seine Bildsprache ist dabei ausschweifend und spirituell. Das Foreshadowing (Beispiel Entjungferung/Bilder) ist mal wieder grandios, gerade deshalb lohnt es sich „Midsommar“ noch ein zweites Mal anzusehen.
Der Soundtrack ist entweder brachial oder verschwindet dann für eine gewisse Zeit ganz. Es ist still und Aster lässt die Bilder wirken. Hervorzuheben ist des Weiteren die Darstellung der Drogenräusche, die die Protagonisten in Vielzahl erleben. Wenn im Hintergrund Dinge verschwimmen oder die Natur eins mit dem Körper wird, ist dies in gewisser Weise auch ein Rausch ohne Rausch für das Publikum.
„Midsommar“ ist mutig, anders und ich bin froh, dass auch solche künstlerischen Filme weiter produziert und realisiert werden. Er wird nicht allen gefallen, denn gerade die Trailer erzeugen andere Erwartungen. Weniger Horror, weniger Jumpscares. Der Grusel ist vor allem unterschwellig, die Nachwirkung von „Midsommar“ ist groß, ein Film zum Diskutieren, zum Nachdenken.
Asters zweiter Film ist schwächer als „Hereditary“, dafür ist er einfach zu langatmig und packt einen daher weniger in seiner Gesamtheit. Visuell und darstellerisch einzigartig, erzeugt er Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Verstörend, heidnisch, Asters Schweden Trip erzeugt Wirkung, wie die Drogen der Studenten: schön, zu lang und mit einem Ende, das man so nicht nochmal erleben möchte.
8/10
Ich fande den Film leider viel zu lsutig teilweise. Die Sexszene war dermaßen albern, dass sie für mich die Stimmung komplett zerstört hat.
Die Spannung und Intensität aus Hereditary kam für mich nur stellenweise auf.
Optisch fand ich ihn auch klasse 😉
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