Bring Her Back

Horror boomt. Seit Jahren wird das Genre auf der großen Leinwand regelrecht ausgeschlachtet. Erfreulicherweise steigt neben der Quantität mittlerweile auch die Qualität vieler Schockerfilme. Gerade im vergangenen Jahr waren auf zahlreichen Top-10-Listen der besten Filme des Jahres Horrorfilme vertreten. Neben „Weapons“ war es besonders „Bring Her Back“, der für Furore sorgte. Nach ihrem Langfilmdebüt „Talk to Me“, das ebenfalls überraschend clever, mutig und schockierend war, setzen die australischen RackaRacka-Brüder Danny und Michael Philippou ihren Weg mit „Bring Her Back“ konsequent fort.

Die Stiefgeschwister Andy und Piper müssen nach dem Tod ihres Vaters bei der Pflegemutter Laura untergebracht werden. Da Piper blind ist und Andy ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für seine jüngere Schwester entwickelt hat, möchte er sie unter keinen Umständen alleine lassen. Nur noch drei Monate trennen ihn von seinem 18. Geburtstag. Dann könnte er die Vormundschaft übernehmen und gemeinsam mit Piper in eine eigene Wohnung ziehen. Bis dahin müssen die beiden allerdings bei Laura bleiben. Dort machen sie bald Bekanntschaft mit einem weiteren Pflegekind unter ihrer Obhut, dem sonderbaren Oliver. Doch sowohl mit ihm als auch hinter Lauras zunächst freundlicher Fassade scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen...

„Bring Her Back“, und das muss man vorab sagen, beinhaltet sicherlich einige der schockierendsten oder zumindest unangenehmsten Szenen des vergangenen Kinojahres. Die RackaRacka-Brüder setzen wie schon bei „Talk to Me“ an Stellen, die für den Zuschauer nicht unbedingt vorhersehbar sind, auf drastische Schockmomente und reizen die Grenzen der Brutalität dabei ordentlich aus. Allerdings sehr dosiert und pointiert. „Bring Her Back“ ist keineswegs ein blutiger Gewaltmarathon, sondern erzeugt vielmehr ein durchgehend unangenehmes Gefühl, das sich mit zunehmender Laufzeit immer weiter verstärkt.

Alles steht und fällt allerdings mit den beiden jungen Hauptdarstellern. Und da muss man sagen, dass die beiden Geschwister groß aufspielen und eine bemerkenswerte emotionale Tiefe entwickeln. Ihre Beziehung wirkt stets echt und mitfühlend. Gerade die kleinen Gesten und die selbstverständliche Fürsorge, mit der Andy seiner Schwester begegnet, verleihen dem Film ein starkes emotionales Fundament. Großes Kino von Billy Barratt und Sora Wong, die auch im echten Leben eine Sehbehinderung hat.

Diese Sehbehinderung liefert natürlich auch einige genretypische Kniffe, die ihre Wirkung keineswegs verfehlen. Wenn Piper auf Geräusche und Berührungen angewiesen ist, während wir als Zuschauer längst erahnen, dass etwas nicht stimmt, entwickelt sich eine ganz eigene Form der Anspannung. Die Philippou-Brüder nutzen diese Ausgangslage geschickt, ohne ihre Hauptfigur darauf zu reduzieren.

Überhaupt ist die Atmosphäre eine der größten Stärken des Films. Das abgelegene Haus der Pflegemutter wird zunehmend zu einem beklemmenden Kammerspiel, in dem sich die Figuren immer weiter voneinander entfernen. Enge Flure, dunkle Zimmer und die bedrückende Abgeschiedenheit des Grundstücks erzeugen eine beinahe greifbare Ausweglosigkeit. Die Kamera bleibt häufig nah an den Gesichtern der Figuren und fängt selbst kleinste emotionale Regungen ein.

Sind die Gewaltspitzen stets schwer vorhersehbar, ist die eigentliche Handlung des Films leider deutlich berechenbarer. Nahezu jeder größere Handlungsverlauf lässt sich erahnen, wenn man bereits den einen oder anderen Genrevertreter gesehen hat. Schade. Der wirklich dichten Atmosphäre tut dies allerdings kaum einen Abbruch. „Bring Her Back“ will in diesem Sinne auch gar nicht unbedingt mit seiner Geschichte überraschen. Die eigentliche Prämisse wird schließlich bereits in den ersten Minuten durch verstörendes, russischsprachiges Wackelbildmaterial angedeutet. Dennoch hätte man sich gerade im weiteren Verlauf die eine oder andere unerwartete Wendung gewünscht.

Der letzte Eindruck eines Films entscheidet oftmals darüber, mit welchem Gefühl man das Kino verlässt. Und ohne spoilern zu wollen, hätte das Ende auch hier gerne die eine oder andere konsequentere Entscheidung vertragen können. Die Philippou-Brüder hatten tatsächlich zunächst ein anderes Ende im Kopf. Nach einem Trauerfall im engen Freundeskreis entschieden sie sich jedoch für eine andere Tonalität des Abschlusses. Eine nachvollziehbare Entscheidung, die dem Film allerdings ein wenig von seiner zuvor aufgebauten Kompromisslosigkeit nimmt.

Die Verarbeitung von Trauer und der verzweifelte Wunsch nach Wiederauferstehung werden in „Bring Her Back“ in einem grotesken Bilderrausch eingefangen. Brachiales Sounddesign und eine hingebungsvolle Kameraarbeit erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, die von einem herausragend aufspielenden Schauspielensemble getragen wird. Besonders die emotionale Verbundenheit der beiden Geschwister verleiht dem Film einen Tiefgang, den man in diesem Genre nicht immer erwarten darf. Im Handlungsbogen und in seiner Konklusion bleibt „Bring Her Back“ jedoch überraschungsarm. Dafür liefern die Philippou-Brüder einige unvergessliche Schockmomente und beweisen nach „Talk to Me“ erneut ihr beeindruckendes Gespür für atmosphärisch dichtes und emotional aufgeladenes Horrorkino.

7,5/10

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