Einer der meist erwarteten Filme der nahen Zukunft ist sicherlich für viele „Werwulf“ von Robert Eggers. Nicht nur aufgrund der besonders atmosphärischen Trailer, die uns pünktlich zu den letzten Vollmonden präsentiert wurden, sondern vor allem aufgrund der beeindruckenden Vita dieses Ausnahmekünstlers. Historisch, stets so akkurat wie möglich, atmosphärisch packend, düster, authentisch und eindringlich. Es gibt viele Adjektive, mit denen sich Eggers‘ Filme beschreiben lassen. Besonders auffällig ist jedoch, dass sich seine bisherigen Werke fast alle im Horrorgenre ansiedeln lassen, so auch sein neuestes Werk „Nosferatu“. Umso spannender ist deshalb ein Blick auf seinen ersten Vertreter abseits des klassischen Horrorgenres, auch wenn sein dritter Langspielfilm immer wieder Horrorelemente einfließen lässt: „The Northman“. Nach Hexen und Leuchtturmwärtern wagte sich Robert Eggers 2022 an die Nordmänner des 10. Jahrhunderts.
Nachdem der junge Königssohn Amleth mit ansehen muss, wie sein Onkel Fjölnir seinen gerade erst heimgekehrten Vater, König Aurvandil, ermordet, sinnt er nur noch auf Rache. Jahre später begibt er sich freiwillig in die Sklaverei und folgt seinem Onkel nach Island, um dort seinen Racheplan zu vollenden. Unterstützung erhält er von der geheimnisvollen slawischen Sklavin Olga aus dem Birkenwald, mit der er sich gegen seinen Onkel verschwört. Doch der Weg zur Vergeltung ist voller Blut und Gewalt…
Eggers liebt es, mit Mythologie zu spielen. Sind seine historischen Porträts doch stets authentisch und so akkurat wie möglich, lässt er immer wieder mythologische Handlungsstränge und Symbole einfließen. Seien es Meerjungfrauen in seinem schwarz-weißen Meisterwerk „The Lighthouse“ oder eben nun Draugr, gegen die Amleth kämpfen muss, um ein sagenumwobenes Schwert zu erlangen. Eggers tobt sich hier voll aus. In den Himmel reitende Walküren, Hexen und blinde Wahrsagerinnen. Auch „The Northman“ ist voller mythologischer Elemente und diese passen ganz hervorragend in das sonst so authentische Setting. Die Grenzen zwischen Realität, Aberglauben und nordischer Mythologie verschwimmen zunehmend und lassen uns tief in die Gedankenwelt der damaligen Menschen eintauchen.
Die Trailer zu „The Northman“ versprachen allerdings ein deutlich größeres Schlachtengetümmel, als es der Film letztendlich bietet. Denn es handelt sich immer noch um einen Eggers-Film. Ein Großteil der Handlung spielt nämlich auf Island, wo Amleth undercover seine Mission erfüllen will. Statt einer Aneinanderreihung großer Schlachten konzentriert sich Eggers auf den persönlichen Rachefeldzug seines Protagonisten und dessen zunehmende Besessenheit.
Ein Wikingerfilm ohne Schlachten geht natürlich auch nicht, doch diese werden sehr pointiert eingesetzt. Wenn Eggers die Gewalt dann entfesselt, geschieht dies mit einer solchen Wucht und Strahlkraft, dass einem das Blut in den Adern zu kochen beginnt. Gerade die Überfälle auf kleinere Siedlungen sind von einer erschreckenden Brutalität geprägt. Lange Kameraeinstellungen und eine nahezu ununterbrochene Choreografie lassen uns mitten im Geschehen stehen. Hier wird nichts romantisiert.
Untermalt vom brachialen Soundtrack von Robin Carolan und Sebastian Gainsborough bekommt man bereits in den ersten Minuten Gänsehaut, wenn König Aurvandil in seine Heimat zurückkehrt. Die Musik ist voller archaischer Klänge, treibender Trommeln und düsterer Gesänge.
Robert Eggers versammelt neben dem muskelbepackten Alexander Skarsgård einen beeindruckenden Cast. Skarsgård verkörpert Amleth als wortkargen, von Rache zerfressenen Krieger, dessen animalische Präsenz nahezu jede Szene dominiert. Seine körperliche Transformation ist beeindruckend und gerade in den Kampfszenen wirkt er wie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Gleichzeitig schafft er es, hinter dieser brutalen Fassade immer wieder die Verletzlichkeit eines Mannes durchscheinen zu lassen, der seit seiner Kindheit nur ein einziges Ziel verfolgt.
Anya Taylor-Joy, die bereits in „The Witch“ mit Eggers zusammenarbeitete, überzeugt als geheimnisvolle Olga und verleiht der ansonsten von Gewalt und Männlichkeit dominierten Geschichte eine willkommene emotionale Komponente. Auch Nicole Kidman als Königin Gudrún weiß zu gefallen und sorgt gerade im späteren Verlauf für einige intensive Momente. Claes Bang verkörpert Fjölnir als erbarmungslosen Gegenspieler, dem der Film erfreulicherweise mehr Facetten zugesteht als die eines gewöhnlichen Bösewichts. Mit Ethan Hawke und Willem Dafoe sind zudem zwei weitere Hochkaräter an Bord. Gerade der alteingesessene Eggers-Weggefährte Dafoe darf als Hofnarr Heimir wieder seine ganz eigene, wunderbar skurrile Präsenz entfalten.
Eggers interessiert sich nicht nur für die Brutalität dieser Epoche, sondern auch für ihre Rituale, ihren Glauben und ihre gesellschaftlichen Strukturen. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, ob Amleth tatsächlich seinem vorherbestimmten Schicksal folgt oder längst zum Gefangenen seiner eigenen Rache geworden ist. Was bedeutet Ehre in einer Welt, in der Gewalt zum Alltag gehört? Und wie viel Menschlichkeit bleibt einem Mann, der sein gesamtes Leben der Vergeltung unterordnet?
Visuell ist „The Northman“ eine absolute Wucht. Kameramann Jarin Blaschke fängt die raue Landschaft Islands in eindrucksvollen Bildern ein. Gewaltige Berge, nebelverhangene Täler und karge Vulkanlandschaften bilden die Kulisse für dieses blutige Rachedrama.
Am Ende ist „The Northman“ nach seinen ersten beiden Meisterwerken „The Witch“ und „The Lighthouse“ tatsächlich Eggers‘ drittes Meisterwerk hintereinander. Ein testosterongeladenes Wikingerepos, das mit seiner historischen Genauigkeit, brachialen Gewalt und eindringlichen Bildsprache eine unglaubliche Sogwirkung entwickelt. Ein kompromissloses Stück Kino, das erneut eindrucksvoll unter Beweis stellt, warum Robert Eggers zu den spannendsten Regisseuren unserer Zeit gehört.
9/10
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